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BILDROLLEN AUS BENGALEN

45 Min. Sendung. Gesendet am 14. Oktober 2001 bei Deutschlandradio Berlin, Redaktion: Menschen und Landschaften. BILD: 'Manasa Pot' von Shyamsundar Chitrakar, Naya, Indien.

Musik:Potua-Lied freistellen
Erzählerin:Swarna streicht mit dem Zeigefinger über ihre Farben in den sieben Kokosnussschalen. Braun. Rotbraun. Rotorange. Olivgrün. Dunkleres Grün. Gelb. Helles Graublau. Sie hat die Finger mit der Flüssigkeit aus einer braunen Flasche befeuchtet. Die trockenen Farben werden feucht und glänzen in der Morgensonne. Vor einigen Tagen hat Swarna mir einen Bel-Baum gezeigt. Aus seinen Früchten wird die Flüssigkeit in der braunen Flasche gewonnen. Ein Saft, der die Farben haltbar und wischfest macht.
Atmo: Straßenlärm und Stimmen
Erzählerin: Swarna ist eine hübsche, junge Frau, gekleidet stets in einen Baumwollsari. Sie lebt in einem kleinen Dorf südwestlich von Kalkutta. Für die 150 Kilometer muss man mit vier bis sechs Stunden Fahrt rechnen. Wir sind eine gemischte Gesellschaft: Drei Deutsche und drei Leute aus Swarnas Dorf. Sie heißen alle drei wie Swarna mit Familiennamen "Chitrakar" - Bildermacher, und genau das tun sie auch. Sie malen Bilder auf lange Papierbahnen, die dann der besseren Haltbarkeit wegen oft auf Baumwollstoff aufgezogen werden. Manche der Bildrollen sind nur 10 cm breit und einen Meter lang. Andere sind 50 cm breit und sieben Meter lang. Und natürlich gibt es auch alle Größen dazwischen. Swarna erzählt, wie sie die Farben herstellen, und wie schwierig es ist, den Bel-Saft zu gewinnen.
O-TON: Swarna Chitrakar (bengali)
Sprecherin 1:Wir machen Farben aus ganz verschiedenen Dingen: aus rohem Gelbwurz, aus Holzapfel, aus den Blättern des Sheem Baumes oder auch aus den Samen verschiedener Früchte. Für Rot nehmen wir das Pulver aus Backsteinen, das hat eine Farbe etwa so wie Orange. Aber am liebsten arbeite ich mit der Erde aus dem Teich. Bel-Früchte findet man heutzutage nicht mehr im Dschungel. Wir müssen sie kaufen. Wir nehmen hundert, zweihundert Stück, schneiden sie klein und pulen mit dem spitzen Ende des Pinsels die winzigen Samen heraus. Wir füllen sie in einen sauberen Topf und kneten sie so lange, bis der klebrige Saft austritt. Den Saft füllen wir in eine Flasche und stellen sie in die Sonne. Wenn man die Flasche später öffnet, kommt einem ein starker Duft entgegen. Ich mag das sehr, der Bel-Saft riecht gut.
Erzählerin:Die Malweise der Chitrakars ist seit mindestens zweitausend Jahren überliefert. Sie sind in Indien bekannt als "Potua" und ihre Bildrollen als "Pot". Schon die Kinder lernen, wie man die Pflanzenfarben herstellt.
O-TON:Swarna
Sprecherin 1: Ich habe meist im Haus meines Onkels Dukhushyam gemalt. Wenn sie die Farben machten, half ich mit. Wenn Schwarz gemacht wird, muss man den Stoff an beiden Enden festhalten. Damals nannten sie mich "Rupban". "Rupban" ist mein Rufname. Sie sagten: "Komm, kleine Mutter, halt diese Seite fest". Ich hielt ein Ende des Stoffes, und jemand anderes hielt das andere Ende, und das war unser Filter. Ich sah, wie aus verbranntem Reis schwarze Farbe wurde. Wenn mein Vater Bohnenblätter zerdrückte, um den Saft zu bekommen, dann hielt meine Mutter die Schüssel. Ich war noch ein Kind. Sie sagte zu mir: "Kleine Mutter, halt mal deinen Bruder eine Weile, ich mach das hier zu Ende, dass dein Vater an seinem Pot weitermalen kann". Ich hielt meinen Bruder auf dem Schoß und beobachtete meine Mutter. Ich sah, dass sie aus Bohnenblättern Saft machten. Falls mich jemand fragte, was das für eine Farbe sei, würde ich einfach nur sagen "Bohnenblätter". Seit vielen Generationen kennen wir die Farbe nur unter diesem Namen.
Atmo:

Howrah-Station

Erzählerin: Wir sind auf dem Weg in das Dorf Naya. Eine junge Malerin aus Düsseldorf, deren Bilder eine gewisse Nähe zur Potua-Malweise zeigen, ist zum ersten Mal in Indien. Sie hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie ihre sehr kurzen Haare auf die Dorfbewohner wirken mögen. Swarna lacht.
O-Ton:Swarna (lacht)
Sprecherin 1: Ich meine, wenn ich solche kurzen Haare zum ersten Mal sehen würde, würde ich mich schon etwas unwohl fühlen. Aber in Kalkutta habe ich verschiedene Leute herumgehen oder im Restaurant sitzen sehen, die so aussehen wie sie.
Atmo: Straßengeräusche Kalkuttas überblenden in
Musik: Potua-Lied
Erzählerin: Ich lernte die ersten Potua 1993 bei der Buchmesse in Kalkutta kennen. Hunderte von kleinen und größeren Verkaufsständen, extra für diesen Anlass errichtet, und zuweilen von der Größe eines Einfamilienhauses, säumten die Pfade, die durch ein etwa 10 Hektar großes Gelände führen. An einer Ecke saßen zwei Männer auf dem Boden. An der Wand hinter ihnen hingen mehrere Bildrollen, ganz ausgerollt, so dass man jedes einzelne Bild sehen konnte. Im Laufe der Jahre hörte ich auch einige der Geschichten, die auf diesen Bildrollen dargestellt sind. Es sind Geschichten aus den großen indischen Epen Ramayana und Mahabharata, Geschichten aus den Puranas, den Mythen der Götter und Göttinnen. Während der Potua, meist auf dem Boden sitzend, ein Bild nach dem anderen entrollt, und zwar so, dass jeweils nur ein oder zwei Bilder zu sehen sind, singt er die Geschichte, die auf den Bildern dargestellt ist.
Musik: Potua-Lied, Rani Chitrakar und Chor: Manasha-Mangal
Erzählerin: Das ist das bekannteste Potua-Lied. Und auch das erste, das ich hörte. Es erzählt die Geschichte der Schlangengöttin Manasha.
Sprecher 2:(Mythos von Manasha): Manasha ist die Tochter des Gottes Shiva. Der Gott hatte seinen Samen in ein Lotusblatt gelegt und es auf einen Teich gesetzt. Aus dem Blatt wuchs nach einiger Zeit die Schlangengöttin Manasha heran. Da sie eine illegitime Tochter war, und niemand unter den Menschen sie kannte, musste sie selbst sich die Achtung verschaffen, die ihr gebührte. Sie ging zu König Chandsaudargar - einem hingebungsvollen Shiva-Anhänger und forderte ihn auf, auch sie zu verehren. Doch er lehnte ab. Daraufhin belegte sie ihn mit einem Fluch: seine sieben Söhne würden noch vor ihrer Verheiratung durch einen Schlangenbiss sterben. Und so geschah es. Es gab nur noch einen Sohn: Lakhindar. Der König fand eine Braut, die bereit war, Lakhindar trotz dieser Prophezeiung zu heiraten. Man traf Vorsichtsmaßnahmen. Vishvakarma, der Gott des Handwerks, wurde gebeten, beim Bau einer Kammer aus Metall, der Hochzeitskammer, behilflich zu sein. Sie sollte absolut dicht sein. Vishvakarma willigte ein. Aber auch die Göttin Manasha ging zu Vishvakarma und bat ihn, doch wenigstens ein kleines Loch zu lassen. Die Braut, sie hieß Behula, wachte die ganze Nacht über ihren schlafenden Bräutigam. Sie selbst hielt sich durch Betelnusskauen bei Laune. Irgendwann drehte sich Lakhindar im Schlaf herum und bedrängte dabei eine Schlange, die durch das Loch in die Kammer gekrochen war. Die Schlange biss zu. Behula warf den Betelnussschneider nach ihr, aber vergeblich, sie verletzte sie nur am Schwanz. Lakhindar war tot. Am Morgen wollte man den Leichnam verbrennen. Aber Behula bestand darauf, dass man ein Boot aus Bananenstauden für sie und ihren toten Bräutigam baue und begab sich damit auf den Fluss. Während der Fahrt hatte sie viele Gefahren zu bestehen, bis sie schließlich auf Wäscherinnen stieß, die die Wäsche der drei großen Götter Shiva, Vishnu und Brahma wuschen. Behula half beim Waschen, und die Wäscherinnen nahmen sie dafür mit zu den Göttern. Sie tanzte und sang vor ihnen. Die Götter lobten sie dafür und gewährten ihr einen Wunsch. Sie bat um das Leben ihres Bräutigams und seiner sechs Brüder. Als König Chandsaudargar seine Söhne wieder hatte, erschien erneut die Göttin Manasha bei ihm. Mit der alten Forderung. Dieses Mal willigte der König ein, sie zu verehren. Allerdings nur mit der linken Hand.
Musik: Lied noch mal hochziehen
Erzählerin: Schon kleine Kinder kennen dieses Lied. Und es ist auch das erste, das jeder angehende Potua lernt. Swarnas Ehemann ist seiner Abstammung nach kein Potua. Er war ein Waisenkind. Seine Großmutter hat die Ehe mit Swarna arrangiert, als er sechzehn war. Später versuchte Swarna, ihm Malen und Singen beizubringen. Auch sie lehrte ihren Mann als erstes das Lied von der Schlangengöttin Manasha.
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: "Hör zu³, sagte ich zu ihm, "ich kenne die Pot-Lieder, ich werde Bildrollen für dich malen, ich werde dir die Lieder beibringen, und du nimmst die Bildrollen und gehst in die Dörfer. Wenn du von Dorf zu Dorf gehst und die Bildrollen vorführst, wirst du Reis und Geld bekommen. Wenn den Leuten danach ist, geben sie dir vielleicht auch Kleider. So wird es uns möglich sein, weiterzuarbeiten und einigermaßen angenehm zu leben".
Erzählerin: Seit vielen Generationen verdienen sich die Potua auf diese Weise ihren Lebensunterhalt. Sie ziehen von Dorf zu Dorf und führen, singend, ihre Bildrollen vor. Swarna erzählt, wie sie verheiratet wurde.
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: Vor der Heirat kannte ich meinen Ehemann nicht. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Ich habe ihn nicht mal dem Namen nach gekannt. Mein Ehemann war bei einer Hindu-Familie angestellt. Dort hat er Kühe und Ziegen gehütet und hat sein Essen bekommen. Er war das, was man einen "Rakhal Chele", einen Hütejungen nennt. Er wanderte mit den Ziegen und den Kühen umher. Später kam seine Großmutter in unser Dorf und sah mich. Ich wusch gerade die Kleider meiner Brüder und Schwestern. Als sie mich gesehen hatte, ging sie zu jemandem aus unserer Siedlung und fragte ihn: "Kannst du mir sagen, wem das Mädchen gehört? - " "Weißt du denn nicht, dass sie die Tochter von Amar ist?" - "Wie heißt sie?" - "Swarna ist ihr Name".
Erzählerin: Als Swarna über ihre Verheiratung berichtet, schaltet sich eine Nachbarin ein. Sie hatte schon die ganze Zeit unserer Unterhaltung zugehört. Swarna wird auch Rupban gerufen, denn wie die meisten Potua hat sie zwei Namen, einen Hindu- und einen Muslimnamen. Sie ist zwar erst 25, aber schon seit 14 Jahren verheiratet.
O-Ton:Frau Jana
Sprecherin 2: Als 'Rupban' heiratete, war sie sehr jung. Ich bin dabei gewesen. Sie war so jung! Und ihr Ehemann war sehr, sehr dünn. Jetzt sieht er etwas gesünder aus. 'Rupban' hat sehr schön ausgesehen. Aber ihr Bräutigam, fanden wir, sah nicht gut aus.
Erzählerin: Swarna war elf, als man sie verheiratete. Mit 14 bekam sie ihr erstes Kind, ein Mädchen, und danach noch zwei. Nach der Heirat zog sie mit ihrem Mann in dessen Dorf, aber dort erwartete sie nichts Gutes.
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: Die Leute, die gekommen waren, um bei meiner Hochzeit zuzusehen, schimpften mit meinem Vater, weil er so ein kleines Mädchen verheiratete. Er widersprach und sagte: "Wenn es ein Angebot gibt, dann laßt es mich tun." Später dachte ich darüber nach. Mein Ehemann war ein Kuh- und Ziegenhirte. Als wir bei ihm zu Hause lebten, wusste er noch nichts über die Bildrollen, er wusste nicht mal was über die dazugehörigen Lieder, er wusste auch nicht, wie man Bilder malt. Er ging in die Dörfer, in die Häuser der Leute und erzählte an einem Tag, dass er seine Schwester verheiraten müsse, am nächsten Tag, dass er das jährliche Todesritual für seine verstorbene Mutter durchführen müsse, am übernächsten Tag, dass sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert worden sei und dass er hingehen und ihn besuchen wolle. Indem er bettelte und Lügen erzählte, versuchte er, für unseren Lebensunterhalt aufzukommen; d.h. für mich, einen Onkel und eine Tante und noch eine Tante, zusammen waren wir vier. Aber ich sagte ihm, "du lügst also und machst auf diese Weise Geld und sorgst für unseren Unterhalt - aber so wirst du ein Sünder, und ich werde dir das nicht länger erlauben."
Musik: Ganga-Durga/Jhagra (Duett zweier Frauen - Streit zwischen den Göttinnen Ganga und Durga)
Erzählerin: Doch seine Verwandtschaft war mit dem Bildermalen und Singen nicht einverstanden. Denn das, was Sambhu, so heißt Swarnas Ehemann, jetzt nach Hause brachte, war viel weniger als früher, als er noch bettelte und die Leute anlog. Es kam immer wieder zum Streit, bis Swarna und Sambhu wegzogen. Zurück nach Naya, in Swarnas Dorf. Auch für 'Munimala Chitrakar', eine Cousine von Swarna, brachte die Verheiratung mit einem jungen Mann in einem benachbarten Dorf nur Probleme.
O-Ton:Munimala Chitrakar
Sprecherin 2: Meine Schwägerinnen, meine Schwager, meine Schwiegermutter, niemand von ihnen liebte mich. Gut, mein Mann verkaufte Abfälle, eine sehr schwierige Sache. Er sammelte kleine Stücke Blech, Glas und alles mögliche von den Straßen auf, mit einem Sack über der Schulter. Das hat er dann verkauft, kam nach Hause und kaufte Reis und Linsen. Und ich, wie soll ich sagen, am Tag meiner Hochzeit hatte ich nichts gegessen, meine Kopfschmerzen waren wiedergekommen, und was soll ich sagen, ich war jung und sehr hungrig. Ich ging raus, um Wasser zu holen, in der Nähe eines anderen Hauses. Dort war gerade eine Hochzeit, und ich bekam eine Mahlzeit. Von da an hatte niemand mehr auch nur ein bisschen Liebe für mich übrig. - "Du bist frisch verheiratet und gehst in ein anderes Haus und hast dort gegessen!" Von da an haben sie begonnen, mich zu schlagen und zu treten. Nimm an, mein Mann brachte zwei Kilo Reis nach Hause. Meine Schwiegermutter sagte dann: "Gib ein Kilo davon deinem Schwager". Ich sagte vielleicht: "Mutter, er hat zwei Kilo Reis gebracht, und wenn er morgen krank ist und nicht arbeiten kann, was machen wir dann?" - "Tu, was man dir sagt, und rede nicht mehr als nötig!" Und wenn dann mein Mann sagte: "Nein, wir müssen keinen Reis abgeben", dann hieß es: "Was, du hörst auf deine Frau?". Und sie schlugen ihn und mich auch. Die Schwiegermutter und die Schwager.
Erzählerin: Munimala, sie ist Mitte 20, etwa im gleichen Alter wie Swarna, hat bereits sechs Kinder zur Welt gebracht. Drei davon im Dorf ihres Mannes. Bald danach beschlossen sie, den Ort zu verlassen und nach Naya zu gehen.
O-Ton:Munimala
Sprecherin 2: Irgendwie haben wir weitergemacht, bis ich verstanden hatte, dass das immer so weitergeht, dass mein Mann geschlagen wird, dass ich geschlagen werde, aber besonders mein Mann, regelmäßig von seinem ältesten Bruder. Damals ging es mir sehr schlecht. Doch wenn ich protestierte, wenn ich versuchte, meinem Mann beizustehen, dann bekam ich eine auf die Nase. Und wie! Blut spritzte aus meiner Nase und aus meinem Mund. Ich hatte Schmerzen, mir war schwindelig. Da sagten wir uns, dass wir besser weggehen sollten. Wir gingen nach Naya. Ich begann, ein Haus für uns zu bauen. Ich wusste inzwischen, dass mein Mann geistig zurückgeblieben ist. Er kann keine Bilder malen. Er lernt jetzt ein bisschen von mir. Aber um ehrlich zu sein, er kann auch nichts anbauen. Manchmal fährt er Rickschah und verdient etwas dazu. Mein Mann kann auch Reis kochen, die Gewürze zu Pulver zermahlen, das Gemüse kleinschneiden, den Fisch zubereiten. Er ist sehr gut beim Fischen. Er benutzt eine Angel oder ein Netz. Meine Mutter hatte direkt an der Straße ein Stückchen Land. Und sie sagte: "Ich habe etwas Land, bau du dir hier ein Heim."
Atmo: Dorf Naya - Rickschahgeräusche, Stimmen
Erzählerin: In Naya leben verschiedene Bevölkerungsgruppen. Die meisten Leute hier sind Hindus. Gleich am Ortseingang stehen die Häuser der Potua, sie sind Muslime. Und dann leben auch noch einige Angehörige des Stammes der Santal im Dorf bzw. in dessen unmittelbarer Nähe. Nach sechs Stunden Fahrt kommen wir in Naya an.
Atmo:Zuggeräusche, Jeephupen, Straßengeräusche
Erzählerin: Im Zug war es zuerst so eng, dass nur drei von uns einen Sitzplatz fanden. Wir wechselten uns ab. Aber bald hatten wir alle Vororte Kalkuttas hinter uns, und draußen zeigte sich das ländliche Bengalen: Bambusstauden und hohe Betelnusspalmen zwischen den Reisfeldern, strohgedeckte Lehmhäuser. Jungen mit Stöcken in der Hand passten auf die Ziegen auf. Das letzte Stück der Strecke bewältigten wir mit einem Jeep. Selbst das Dach und die Trittbretter waren belegt. Alles in allem waren wir etwa 40 Personen.
Atmo: nochmals kurz hochfahren dann überblenden in
Musik:Pot-Lied (Dukhushyam Chitrakar), ausblenden
Erzählerin: In Naya empfängt uns Dukhushyam Chitrakar. Er hat den ganzen Tag auf uns gewartet und ist immer wieder zu dem kleinen Teeladen an der Bushaltestelle gegangen. Seine beiden Söhne, Rahman und Rahim, hatten uns begleitet. Dukhushyam ist an die sechzig und schon ziemlich zahnlos. Meist trägt er ein auffallend rotes Hemd, lang und ohne Kragen, darunter eine weite Hose. Am dritten Tage verfasst er, inspiriert durch unseren Besuch, ein neues Lied. Später malt er, oder vielmehr einer seiner Söhne malt eine Bildrolle dazu. Das Lied besingt auch die Sorge, die Dukhushyam und einige Potua-Frauen erfasst, als mich am zweiten Tag ein heftiges Fieber schüttelt. Aber auch die Konkurrenz zwischen den einzelnen Potua-Familien kommt zur Sprache.
Musik: Neues Lied von Dukhushyam
Erzählerin: Das Lied endet mit der Klage darüber, dass seine Verdienste als Lehrer vieler jüngerer Potua von manchem nicht so respektiert werden, wie er sich das wünscht. Dukhushyam lebt mit seiner Familie in einem kleinen Lehmhaus. Ich wundere mich, wie es möglich ist, dass dieses Haus so viele Menschen beherbergt: Dukhushyam und seine Frau, seine drei Söhne und seine Schwiegertochter, zwei seiner Töchter, die älteste ist bereits verheiratet, und ein Enkelkind. Dukhushyam ist einer der wenigen unter den Potua, die lesen und schreiben können. Etwa hundert Lieder hat er geschrieben. Das erste, als er acht Jahre alt war.
O-Ton:Dukhushyam
Sprecher 1: Als ich anfing, in die Schule zu gehen, begann ich auch, Lieder zu dichten. Aber fertig wurde das erste Lied erst, als ich zehn Jahre alt war. Zur Schule ging ich, seit ich sechs war. Zu dieser Zeit zog ich allein von Dorf zu Dorf. Mit neun fing ich an, Lieder zu den Bildern über das Ramayana und das Mahabharata zu schreiben. Mein älterer Onkel und mein Schwager brachten mir das Malen bei. Der Mann meiner älteren Schwester lehrte mich, die Lieder zu singen. Mit zehn ging ich auf die Straße mit meiner Arbeit, die ich im Alter von acht begonnen hatte.
Erzählerin:Leuten wie ihm ist es zu verdanken, dass die Potua-Tradition lebendig geblieben ist. In Bombay werden heute weltweit die meisten Filme produziert. Die Fernsehverfilmungen der Göttermythen fegten Sonntag morgens regelmäßig die Straßen leer. Da konnten die langsam bewegten Bildrollen der Potua nicht mehr mithalten. Aber nun gibt es seit einigen Jahren Lieder und Bildrollen mit ganz anderen, neuen Themen. Darin geht es um die Alphabetisierung, um die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, ein Erdbeben in Maharastra 1997 und um Aids.
Musik:Nilranjan und Jharna Chitrakar: Aids-Song-Duett
Erzählerin: “Wir, die Chitrakars von Habichak, Midnapur, lassen das alle wissen, durch unsere Pot-Lieder³, heißt es in dem Lied. Jharna und Nilranjan Chitrakar leben in Nandigram, einem weiteren Dorf mit Potua-Familien, näher am Meer gelegen. Die beiden gehören neben Dukhushyam zu den wenigen, die heute noch Lieder schreiben.
O-Ton:Dukhushyam übers Liederschreiben
Sprecher 1: Wer keine Idee hat, dem fehlt auch die Fähigkeit, ein Lied zu schreiben oder ihm eine Melodie zu geben. Aber vielleicht kann er singen oder malen. Wie Dulal Potua. Er kann malen, aber er kann überhaupt nicht singen. Lieder, Geschichten, Bilder und der Geist. Das macht einen Potua aus. Oder anders gesagt: Pinsel, Farbe und die geistige Arbeit, alles drei zusammen. Das heißt, ein Potua sollte drei Personen verkörpern. Und er sollte auch die drei Faktoren des Lebens kennen. Nur etwas über Hindus zu wissen, ist nicht genug. Auch die Weisheit der Muslime sollte ihm vertraut sein. Er sollte auch die Stammeskultur der Santal kennen und unseren Nachbarstaat Orissa. Ein Potua sollte alles wissen.
Erzählerin:Das sind hohe Ansprüche. Aber wie wird es mit den Potua weitergehen, wenn nur noch so wenige neue Lieder entstehen, die alte Generation ausstirbt?
O-Ton:Dukhushyam
Sprecher 1: Ich, Dukhushyam Chitrakar, zum Beispiel, kenne 150 Potlieder! Aber mein Sohn mag nicht singen. Ich habe darauf bestanden, aber er mag es eben nicht. Er beherrscht nur zwei oder drei Lieder. Obwohl er sehr gut malt, kennt er keine Lieder. Und falls doch, dann eher die Hindi-Film-Songs.
Musik: Hindi-Film-Song
Erzählerin:Dukhushyams zweitältester Sohn, er ist etwa 18 Jahre alt, sitzt die ganze Zeit schweigend dabei. Als ich ihn frage, welche Hindi-Songs er kenne, kommt ihm sein Vater zuvor und sagt, das heiße nicht, dass er sie kenne, sondern nur, dass er sie gern anhöre. Ich frage Swarna, ob sie schon Lieder geschrieben hat und wie sie Malen und Singen gelernt hat.
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1:Ich habe Schritt für Schritt gelernt, seit ich sechs Jahre alt bin. Singen lernte ich von Onkel Dukhushyam. Einiges von Onkel Dukhushyam und einiges von meinem Vater, Amar Chitrakar. Aber Malen lernte ich nicht von meinem Vater. Er war sehr arm. Er verkaufte seine Pots für fünf Rupies. Oder er gab sie anderen zum Verkaufen nach Kalkutta mit. Die sagten ihm dann: "Bruder Amar, deine Pots bringen nicht so viel Glück, dass man sie in Kalkutta verkaufen könnte. Wir bieten sie unseren Freunden oder Freundinnen an, um sie überhaupt zu verkaufen.³ Tatsächlich hatten sie die Pots längst zu einem höheren Preis verkauft. Aber ich dachte, wenn er keinen Erfolg hat und ich nun bei ihm die Pot-Kunst erlerne, dann werden sich meine Pots sicher auch nicht verkaufen lassen. Wir waren fünf. Onkel Dukhushyam war unser Lehrer. Jetzt sehe ich, daß für die Arbeiten meines Vaters durchaus Nachfrage besteht. Und was ich mache, wird auch verkauft. Und Lieder? Nein. Ich habe - ich meine, ein Lied über Mutter Theresa - mein Bruder ein bisschen und ich ein bisschen - auf diese Weise haben wir es gemacht. Ich kann nicht schreiben.
Musik:Swarna singt
Erzählerin: Swarna hat nie lesen und schreiben gelernt. Als Mutter Theresa starb, nahmen sie dies zum Anlass, ein Lied über die neue Heilige Kalkuttas zu machen, was ihnen auch halbwegs gelang. Aber es gibt kein Lied, das Swarna wirklich als ihr eigenes bezeichnen kann. Sie singt die Lieder, die sie von anderen gelernt hat: Alte Lieder über die Mythen der Göttinnen und Götter, über Moslemheilige, aber auch Lieder zu aktuellen Themen. Sie singt alles aus dem Gedächtnis. Vor kurzem hat sie ein weiteres Lied dazugelernt. Es ist ein Aufruf an die Männer, die Finger von den Drogen zu lassen, das Trinken sein zu lassen und auch das Rauchen. Rani Chitrakar kennt dieses Lied ebenfalls und hat es mir schon vor Jahren vorgesungen.
Musik: Rani Chitrakar, Lied: Aapnara Bhai, Nesha Korbena
Erzählerin: Eigentlich dürfte Alkohol bei den Potua gar kein Problem sein, schließlich sind sie Muslime. Doch sie selbst bezeichnen eher die anderen Leute, die sich zum Islam bekennen, aber keine Potua sind, als Muslime. Von den Hindus sprechen sie als Bengalen, und von sich selbst eben als Potua. Ganz offensichtlich unterscheidet sich die Religion, die sie praktizieren, von jener der Nicht-Potua. Keine der Frauen ist verschleiert oder trägt die Burkha - eine Art Übermantel mit Gesichtsschutz, wie man es manchmal in den indischen Städten sieht. Die Potua-Frauen tragen oft einen Schmuckpunkt zwischen den Brauen wie die Hindu-Frauen, teils als Standesbezeichnung, teils als rituelle Zeichnung oder auch nur als Schmuck. Und nicht alle Potua bekennen sich zum Islam.
O-Ton:Dukhushyam
Sprecher 1: Es gibt unter den Potua ebenso Muslime wie Hindus. Ich bin Muslim. Mein Bruder ist Hindu. Er lebt in Kalighat, einem Stadtteil von Kalkutta. Die Potua sind Anhänger von Lalon Fakir, etwa so wie die mohammedanischen Sufi. Weder Muslim noch Hindu. Ich meine, irgendeine muslimische Zeremonie, die sie für gut befinden, der folgen sie. Oder irgendein Hinduritual kann auch praktiziert werden. Und die Potua gehen wie die Muslime in die Moschee. Aber nicht die Hindus. Doch Potua genießen auch die Hindu-Feste, während Muslime das nicht tun. Die Potua denken, dass wir eben alle Menschen sind, dass wir alle gleich sind. So wie "Jal³, die Bezeichnung der Bengalen und Hindus für Wasser, das Gleiche ist wie "Pani³, die Bezeichnung der Muslime für Wasser. Aber die Leute auf dem Dorf verstehen das nicht. Bhagwan, Iswar, Allah, Marang Buru, Gott - alle meinen dasselbe. Heutzutage ist das ein politisches Thema. Ich habe auch darüber ein Lied gemacht.
Musik:Gurupada Chitrakar: Communal Harmony Song
Erzählerin: Lalon Fakir ist ein muslimischer Heiliger des 18. Jahrhunderts, der in Bengalen unterwegs war und dessen Lieder noch heute gesungen werden. Sie berichten von einer Art Verschmelzung zwischen Hinduismus und Islam, was aber von Familie zu Familie durchaus unterschiedlich ausgelegt werden kann.
Atmo:Kalkutta, Straßengeräusche
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: Ich mache mir keine Gedanken über Religion. Was auch immer die Religion dazu sagen mag oder die Nachbarn, die Leute im Dorf zu mir sagen, ich, die gelernt hat, Bildrollen zu machen und diese Lieder zu singen, ich fühle, dass ich noch mehr Bilder malen werde, noch mehr Lieder singen werde. Ich werde nicht einen Gedanken darauf verschwenden, was irgendjemand sagt. Ich bin eine Künstlerin, ich wünsche mir vorwärtszukommen als Künstlerin. Ich bin Künstlerin, und ich möchte als Künstlerin bekannt werden. Das ist mein Herzenswunsch.
Musik: Potua-Melodie, gesungen von Shyamshundar Chitrakar
Erzählerin: Swarna erzählt mir das in einem Hotelzimmer im Süden Kalkuttas, wo ich sie zum letzten Mal sah. Mit ihrer Cousine Munimala hatte sie sich von Naya aus allein auf den Weg gemacht, um mich in Kalkutta zu treffen. Es war feucht und heiß, der Deckenventilator musste für die Tonaufnahmen ausgeschaltet werden. Es wurde noch heißer. Wegen des Straßenlärms hatte ich die Fensterläden geschlossen. Seitdem sie gemeinsam mit der Malerin Simone Letto gearbeitet hatte, waren beinahe zwei Jahre vergangen.
Atmo:Kalkutta, Krähen und Straßenverkehr
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1:Als ich mit Simone malte... also, die Arbeiten, die ich zusammen mit Simone machte, waren viel besser als die davor. Aber jetzt finde ich, die Bilder, die ich nun mache, sind noch viel besser als die von damals ­ ja, die Arbeiten sind besser. Damals habe ich nur an Bildern mit sozialen und traditionellen Themen gearbeitet. Danach hatte ich Ideen zu Filmen wie Tarzan, Titanic und Jurassic Park und habe sie auch ausgeführt.
Atmo: Kinofilmsound
Erzählerin: Swarna ließ sich von Filmen inspirieren, die sie selbst gar nicht gesehen hatte, von denen der Bruder ihr erzählt hatte - und sie schuf ganz neue Bildrollen. Sambhu, Swarnas Ehemann, war in Naya geblieben und sorgte für die Kinder, wie immer, wenn sie nicht zu Hause ist. Sie ist öfter weg, und sie ist es auch, die das meiste zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt.
Atmo:Kalkutta
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: Früher, wenn ich arbeitete, wurde mein Mann, der dann den Haushalt machen musste, manchmal wütend. Er wurde wütend, weil ich die ganze Zeit arbeitete. Dann musste er kochen, auf die Kinder aufpassen. Aber inzwischen hat er verstanden, dass ich meine Arbeit tue, dass ich mit anderen Leuten zusammenarbeite, dass ich Ausstellungen habe. Jetzt hat er verstanden, wenn seine Frau nicht aus dem Haus gehen würde, wenn sie nicht gemalt und gesungen hätte, dann wäre die Familie untergegangen. Und ich habe ihm nach und nach beigebracht, selber zu malen, im Pot-Stil zu malen, so gut, dass er im letzten Jahr eine staatliche Anerkennung, einen Preis, gewonnen hat. Wenn es uns manchmal schlecht geht, wir nur unter Schwierigkeiten vorankommen, dann muss er ein paar von den Bildrollen nehmen, in die Dörfer gehen und sie dort vorführen.
Musik:Rani Chitrakar mit Chor
Erzählerin: Swarna trägt an diesem Tag einen Sari in Ziegelrot mit einer gelbgemusterten Borte und Punkten in gleicher Farbe. Munimala, die Cousine, ist in Blau gekleidet. Swarna erzählt von ihren Lieblingsfarben. Sie hat mehrere. Zum Beispiel ein bestimmtes Gelb, das sie aus fein gemahlenem Gelbwurz herstellt. Aber es gibt auch noch ein anderes Gelb, ein Gelb mit etwas Rot darin, das sich gut als Hautton eignet, wenn sie Menschen malt.
Musik: Rani Chitrakar mit Chor
O-Ton:Swarna
Sprecherin 1: Ich arbeite am liebsten mit Erdfarben. Und auch mit der Farbe aus Backsteinpulver. Auf jedem Pot, den ich gemalt habe, kann man diese Backsteine und den Schlamm, diese Farbe aus Schlamm sehen.
O-Ton: hochziehen (Swarna lacht!), Chor-Gesang mit Kindern