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AUS DER MITTE INDIENS

Manuskript für Bayrischer Rundfunk (BR2), gesendet am 21.11.2005

ATMO:Ghotulplatz Baranda, geht über in

einsetzende Musik (kleine Trommeln) der Tänzer aus Baranda,

freistellen, unter Text weiter...
Erzählerin:So hört es sich an, wenn die Ghotul-Jugend eines Muria-Dorfes ihre nächtlichen Tänze aufführt. Das Dorf liegt etwa in der Mitte Indiens. Genauer: im Distrikt Bastar im neugegründeten Bundesstaat Chhattisgarh. Vor dem Jahr 2001 gehörte das Gebiet noch zu einem anderen, dem ehemalsgrößten Unionsstaat Indiens. Gleich wird der hohe, eindringliche Gesang der Mädchen einsetzen.
Musik:Trommeln mit dem einsetzenden Gesang der Mädchen hochfahren, freistellen
Erzählerin: Baranda ist ein Muria-Dorf mitten im Wald. Es ist schon völlig dunkel, als wir ankommen. Anirudh Pandey, Buchhalter beim Forest Department, hat einen Jeep organisiert. Außer ihm fahren noch zwei weitere Beamte mit. Einige Kilometer hinter dem Provinzstädtchen biegt der Wagen von der Straße ab. Das Licht der Scheinwerfer schlägt gegen Baumstämme, der Waldweg steigt beständig an. Obwohl der Fahrer ziemlich ruppig mit dem Jeep umgeht, schafft er es immerhin, das Fahrzeug durch Haarnadelkurven und über mächtige Baumwurzeln fast bis ins Dorf zu steuern. Den Rest des Weges müssen wir zu Fuß gehen.
ATMO:Nachtgeräusche, Stimmen, unter Text weiter
Erzählerin: Der Geruch von Kuhdung: Wir sind angekommen. Nur hier und da ein kleines Gehöft oder ein einzelnes, rötlich getünchtes Lehmhaus. Über Feldwege werden wir zu einem großen freien Platz geführt, dem Tanzplatz neben dem Ghotul. Das ist das Jugendhaus aller Mädchen und Jungen eines Dorfes, der Ort, wo sie ihre Abende und Nächte verbringen, miteinander spielen, singen, tanzen, schlafen. Am Morgen wenn das Haus wieder sauber und auch der Ghotulplatz gefegt ist, kehren sie in ihre Familien zurück.
ATMO

Musik:
Ghotul in Baranda, Stimmengemurmel

Gesang der Mädchen und Jungen von Baranda
Erzählerin: Bastar ist ein dünn besiedeltes Gebiet, dessen Bewohner zu etwa 70 Prozent verschiedenen Stammesgruppen angehören und die damit außerhalb des Kastensystems stehen. Die Muria gehören zur großen Stammesfamilie der Gond. Aber ihre Institution des Ghotul - das gemischtgeschlechtliche Jugendhaus - gibt es in dieser Form, besonders auch in seiner Wichtigkeit für die soziale Struktur eines Dorfes, bei keinem anderen Stamm. In den alten Geschichten der Muria ist es Lingo Pen, eine Art Kulturheld, der als Begründer und Beschützer des Ghotuls und seiner Musik gilt.
Musik: Gesang der Mädchen und Jungen von Baranda nochmals hochfahren
Erzählerin: Die jungen Tänzer in Baranda tragen in jener Nacht einen weitschwingenden roten Rock, der ihnen bis an die Knöchel reicht. Ihr Oberkörper ist nackt. Auf dem Kopf haben sie einen gelben Turban, dessen loses Ende als lange Stoffbahn am Nacken herunterhängt und im Rhythmus der Tänze hin und her schwingt. In die Turbane haben sie Federbüschel gesteckt oder auch nur einzelne lange Pfauenfedern. Um den Hals tragen sie Perlenhalsbänder mit kleinen roten Bommeln. Etwa zwanzig Jungen eröffnen die Tänze in einer Spiralbewegung, die sich zu einem Kreis schließt.
Musik: Fortsetzung Ghotul-TrommelMusik (schwere Trommeln) mit Zimbeln, Flöten und Pfiffen, unter dem Text ausblenden
Erzählerin: Die Pfiffe zeigen jeweils den Richtungswechsel an. Auch die Mädchen schmückten sich lange. Sie tragen knielange, weiße Saris und knappe, rote Blusen. Ihr geöltes Haar liegt glatt amKopf an, der Haarknoten links unten am Hinterkopf. Mehrere Reihen Perlenbänder sind mit Spangen über Stirn und Haar befestigt. Um den Hals tragen sie einen silbernen Reif. Sie schlagen die Zimbeln.

Wenn sie elf oder zwölf Jahre alt sind, wollen die Jugendlichen meist aus eigenem Antrieb ins Ghotul eintreten. Einfach weil sie neugierig sind, was die anderen dort machen und weil sie dazu gehören wollen. Sie bekommen dann einen neuen Namen, einen Ghotul-Namen. Die Mädchen schlagen einen Namen vor, falls es sich um einen Jungen handelt, falls ein Mädchen neu eintritt, tun das die Jungen.

Doch die Ghotul-Jugend übernimmt auch Aufgaben für die Dorfgemeinschaft. Die Muria sind Ackerbauern und fast jede Familie besitzt eigenes Land.

Jairam Mandawi ist dem Ghotul schon lange entwachsen. Als ich ihn kennenlerne, ist er um die 25 und hat das Ghotul seit etwa fünf Jahrenverlassen.
O-TON: Jairam Mandawi
SPRECHER-1Das Ghotul hilft jedem von uns. Wir pflanzen zum Beispiel Reissetzlinge, später kommt dann irgendwann das Jäten. Jemand braucht 40, 50 Leute dafür. Dann kommen die Jungen und Mädchen aus dem Ghotul und helfen bei der Arbeit.
ATMO: In Jairams Hof
Erzählerin: Wenn überhaupt ein Dorfzentrum auszumachen ist, so befindet sich dort das Ghotul, ein Lehmhaus, wie die übrigen Häuser auch. Einer der beiden Räume ist meist nach einer Seite hin offen, damit der Rauch von der Feuerstelle abziehen kann. Im Ghotul hat jedes Mädchen und jeder Junge bestimmte Aufgaben. So wie es einen Dorfvorsteher gibt, gibt es auch einen Vorsteher des Ghotul. Man nennt ihn Patel. Der Chef des Ghotul ist der Mukhia. Für die Einhaltung der Regeln sorgt der Kotwar.
O-TON: Jairam Mandawi
SPRECHER-1: Im Ghotul hat niemand ein Privileg. Wenn der Patel einen Fehler macht, werden sie ihn aus dem Ghotul hinauswerfen. Auch wenn der Kotwar etwas falsch macht, werden sie ihn rauswerfen.
Musik: Wechselgesang der Jungen und Mädchen von Baranda, freistellen, herunterfahren, folgenden Text unterlegen bis "ihren Göttern".
Erzählerin: Es ist stockfinster in Baranda, der Mond bleibt hinter den Wolken verborgen, nur ein, zwei Sturmlampen und die mit Puder weiß gefärbten Gesichter der Mädchen verströmen etwas Licht. Die Honoratioren aus dem Verwaltungsstädtchen nehmen die Gelegenheit wahr ausgiebig zu trinken, was in diesen Kreisen, zumal in der Öffentlichkeit, eigentlich verpönt ist. Aber das Ghotul hat natürlich etwas vorbereitet, denn Alkohol gehört in der Muria-Kultur zu jedem Fest und auch zum Dienst an ihren Göttern. Die Alkohollieferanten sind Palmen, zum Teil von beträchtlicher Höhe. Man zapft sie knapp unter der Krone an.
ATMO

Musik:
Jairam und Bodoru Mandawi besprechen sich, geht über in

Duett, gesungen von Jairam und Bodoru
Erzählerin: Wenn ein Junge oder ein Mädchen heiratet, ist die Ghotul-Zeit zu Ende. Die Familie des Jungen wirbt mit Geschenken und Besuchen über viele Jahre um ein Mädchen des Klans, aus dem traditionell ihre Frauen stammen. Aber heutzutage ändere sich alles, sagt Bodoru Mandawi, JairamsCousin:
O-TON: Bodoru Mandawi
SPRECHER-2: In allen Dörfern heiraten die Mädchen jetzt nur noch den, der ihnen gefällt. Früher war das nicht so. Ich habe meine Frau nicht selbst ausgewählt. Mein Vater ging und bat mit Geschenken um die Mutter meiner Kinder, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war.
ATMO

Musik:
Stimmen von Jungen und Mädchen gehen über in

Taina Namu Namur Nare, zwei junge Männer
Erzählerin: Schon lange bevor ein Mädchen oder ein Junge in das Ghotul aufgenommen wird, steht zwischen bestimmten Klans fest, wer wen heiraten wird. Sollten diese beiden aus demselben Dorf stammen, also auch die Ghotul-Zeit miteinander verbringen, so wird eine Ghotul-Beziehung zwischen den beiden nicht geduldet. Denn im Ghotul wird nach bestimmten Regeln ein Partner oder eine Partnerin auf Zeit für ein neueingetretenes Mitglied bestimmt. Partnerwahl ist bei den Muria also alles andere als Privatsache.

Natürlich kommt es immer wieder mal vor, dass sich ein Junge und ein Mädchen im Ghotul ineinander verlieben - was nicht vorgesehen ist. Dann gibt es lange Verhandlungen und, je nach dem wie das Ergebnis ausfällt, eventuell Kompensation für die vergeblich brautwerbende Familie. Wenn ein Ghotul-Mädchen allerdings schwanger wird, bringt das Probleme mit sich.

Sher Tajir ist seit 30 Jahren Forstwächter. Er kennt den Dschungel, die Tiere, die darin leben, und auch viele Muria-Dörfer. Als junger Mann nahm ihn ein Freund manchmal zu den abendlichen Treffen ins Ghotul mit.
O-TON: Sher Tajir, Forstwächter
SPRECHER-3: Meine Erfahrung aus dieser Zeit ist, dass die Mädchen, die damals im Ghotul mit den Jungen zusammen gekommen sind, nicht schwanger wurden. Die von oben hatte genug Kraft, das zu verhindern. Shakti - die Kraft der Göttin. Und einmal im Jahr gab es ein großes Fest für Lingo Pen -
Erzählerin: Für Lingo Pen, den mythologischen Helden und Beschützer des Ghotul. Dass die Mädchen im Ghotul nicht schwanger werden, hört man immer wieder. Seiko, Jairams Schwiegermutter sagt, wenn es doch mal passiere, müsse man sehr umsichtig vorgehen. Die Leute aus dem Ghotul setzten sich dann zusammen, und falls das beschlossen wird, komme es manchmal auch zu einer Abtreibung.

Bei Problemen werden meistens auch die Klangottheiten befragt. Es gibt kaum tägliche Riten, aber Prozessionen und Rituale im jahreszeitlichen Ablauf und Konsulationen, falls eine dringende Notwendigkeit dafür besteht - zum Beispiel bei einer Krankheit. Die Vermittler zwischen den Gottheiten und den Dorfbewohnern sind Priester und Schamanen.
ATMO

Musik:
In Jairams Haus, geht über in

Lalsei, Schamane und Priester, singt alte Mythen
Erzählerin: Dieses Mal bin ich zu Besuch gekommen, um das große jährliche Treffen der Schamanen mitzuerleben. Doch dann höre ich, dass das große Fest schon vorbei ist.

Am nächsten Morgen bekomme ich Besuch aus zwei Muria-Dörfern, Jairam und Bodoru Mandawi kommen und auch Singlu Wadde aus Lalsonar. 'Lalsonar' heißt rotglänzend. Vielleicht wegen der roten Erde dort. Singlu lädt mich ein. In einer Woche würden sie dasselbe Fest feiern, das ich gerade verpasst habe.
Musik: Lalseis Gesang wieder hochziehen, ausblenden
Erzählerin: Ich erinnere mich, das Ghotul in Lalsonar war früher eines der größten. Doch in der Zwischenzeit wurden in vielen Muria-Dörfern diese Institution aufgegeben.

Die neuen Lehrer in den Dörfern - alle von außerhalb - , die sich aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit als höhergestellt empfinden, redeten und reden vehement gegen die Zusammenkünfte im Ghotul.
(Evtl. Musik): Bastarlied (College-Student)
Erzählerin: Auch andere Kräfte setzen das Land und seine Bewohner unter Veränderungsdruck. Immer größere Gebiete werden von einer Rebellenbewegung beherrscht, die die Leute 'Naxaliten' nennen. Es sind maoistische Kommunisten, die ehemals mit dem Ethos eines Robin Hood antraten, es zum Teil noch immer tun und vorgeben, die Dörfler vor der korrupten Administration zu schützen.

Seit im November 2000 der neue Staat Chhattisgarh gegründet wurde, hat sich die Situation weiter verschlechtert. Zwar gibt es jetzt eine neue Hauptstadt, ein neues Landesparlament - und mehr Geld. Auch von der Zentralregierung. Doch es fließt ausschließlich in Infrastrukturmaßnahmen: nichts, das der Landwirtschaft helfen würde, von der der überwiegende Anteil der Bevölkerung lebt. Stattdessen werden Voraussetzungen geschaffen, um die Bodenschätze zu heben. Bastar ist reich an Eisenerzvorkommen. Die Schürfrechte dieser Minen machen die Haupteinnahmen der Landesregierung aus. Und der Großteil dessen, was sich in Geld umwandeln lässt, liegt noch unter der Erde. Das frische Geld fließt überwiegend in Politikertaschen und scheint auch die Naxaliten radikalisiert zu haben. Ihre Forderung: Einen separaten Staat Bastar. Durch Drohungen und Attentate geben sie ihren Forderungen Nachdruck und verbreiten Angst. Auch in den abgelegenen Dörfern, wo sie die Ortsvorsteher zum Rücktritt zwingen und gegen die Ghotul-Kultur reden, weil sie ihren Einfluss schmälert.
ATMO: Stimmen, Rufe in Gondi
Erzählerin: Am zweitletzten Tag vor meiner Abreise fahren wir nach Lalsonar. Sher Tajir und Anirudh Pandey begleiten mich. Irgendwann verliert sich die rote Erdstraße im Brachland. Sher Tajir sagt, die Lalsonaris wollten keine Straße in ihr Dorf, sie hätten sie wieder verschüttet. Aber dann kommen Leute von irgendwoher zwischen den Büschen und Bäumen hervor und weisen uns den Weg. Und dann hören wir es:
ATMO

Musik:
Muria-Dorf

Leises Trommel
Erzählerin: Erst am Nachmittag erreicht das Fest seinen Höhepunkt. Das ganze Dorf und viele Besucher, etwa 200 bis 300 Leute, kommen auf einem großen Platz zusammen.
Musik: Stimmen, Rufe in Gondi
ATMO: Lautes Trommeln und Gesang der Mädchen, freistellen; den Erzähltext unterlegen
Erzählerin: Die Ghotul-Jugend tanzt: Es sind an die 100 Jungen und Mädchen. An ihrer Aufmachung sehe ich, dass sie aus verschiedener Dörfern kommen: manche der Jungen tragen weiße, andere blau-karierte Turbane, und auch an den Frisuren der Mädchen lässt sich ablesen, wer aus welchem Dorf kommt. Aber die größte Aufmerksamkeit ziehen die Sirha, die Schamanen, auf sich.
Musik: nochmals kurz hochziehen, unter dem Text ausblenden
Erzählerin: Einzeln, zu zweit oder auch in größeren Gruppen tanzen und torkeln die Schamanen mit wehenden Haaren über den gesamten Platz. Manchmal schließen sie sich den Mädchen an, dann wieder tanzen sie durch die Reihen der trommelnden Jungen. Ihre Oberkörper sind über und über mit Blütenketten behängt. Es sind die weißen, fleischigen, sehr wohlduftenden Blüten des Frangipani-Baumes. Auch am Rande des Platzes steht ein solcher Baum, darunter lagern die Skulpturen und Ornamente der Götter und Göttinnen.

Die Tänze enden abrupt, einige Eisenketten fliegen durch die Luft - das Signal, den Platz zu räumen. Die Klan-Gottheiten werden ein weiteres Mal auf die Schultern ihrer Träger gehoben und verlassen in einer langen Prozession den Platz. Ob ich diese Szene, wenn die Bodenschätze Bastars gehoben wurden, auch noch sehen kann? Ob es das Ghotul von Lalsonar bei meinem nächsten Besuch noch geben wird?
(evtl.) Musik: "Taina Namur Nanai Nare, Nanai Namur Nam"

leises Lied; den letzten Abschnitt unterlegen, kurz freistellen, ausblenden.