www.ReginaRay.de
www.ReginaRay.de
www.ReginaRay.de
www.ReginaRay.de
www.ReginaRay.de


HAAR IN DIE SUPPE

Die Gedanken sind das Schnellste, machen einem immer einen Strich durch die Rechnung, das gerade Gedachte schon nicht mehr auffindbar unter dem, was sich darüberhäuft. Erdbeben. Gedankenbeben. So ein Strich, ein Streich. Was eben dabei war, aufgebaut zu werden, das erste und zweite Stockwerk stand schon, liegt nun verschüttet und ist so vielgestaltig, dass kaum ein Stück eindeutig benennbar. Wegräumen. Der Grundriss. Der Grundriss ist noch nicht freigelegt. War noch nie präzise ausgeformt. Es war ein Windgebäude. Vier Wände, Zwischendecke, darauf nochmal vier Wände. Dann kam der Windstoß, ausgelöst durch das Teetrinken zwischendurch, ein Windstoß hatte völlig genügt, um das Kartenhaus wieder in seine Einzelteile zu zerlegen. Nun zu den Einzelteilen: der bevorstehende Gang zum Friseur. Neue Frisur oder nur simples Abschneiden der unteren fünfzehn Zentimeter? Das Gefühl dabei: mutig. Als wurde sich dadurch mein Leben total verändern: Irgendwann einmal christliche Nonne geworden? Irgendwann einmal Witwe in Indien? Irgendwann einmal eine Ehebrecherin im Mittelalter? Oder Kindsmörderin? Gretchen? Es muss eine Bestrafung gewesen sein. Die Klassenarbeit war schlecht ausgefallen. Nach der Schule direkt zum Friseur. Hannelore. Sie hieß Hannelore und praktizierte im Eingangsbereich ihres Eltemhauses. Es steht mitten im Dorf. Früher floss dort der Fluss vorbei. Es war die Stelle, wo die Straße die Flussseite wechselte. Eine Brücke führte schräg über den Fluss. Beidseitig mit hohem, verrostetem Eisengeländer. Und später rochen die Hände danach. Säuerlich. Meine Kinderhände hielten sich oft daran fest. Strichen über die Eisenmanschetten, die das Geländer zusammenhielten, über die Rundungen an den oberen Enden. Hannelores Elternhaus war ein Fachwerkhaus zu einer Zeit, als alles andere Fachwerk, außer dem Rathaus und der Mühle, noch unter graubraunem Putz verborgen lag. Die Fensterbänke und auch der asphaltierte Hof waren voller Kübel mit Blumen. Geranien. Oder rosa Petunien. Ihr Großvater war Korbmacher. Ein auslaufendes Geschäft, aber manchmal saß er noch immer im Hof, die eingeweichten Weidenruten neben sich, drei neubegonnene Henkelkörbe vor sich - mit den steil aufstrebenden Ruten, viel länger als der zukünftige Korb - drei Sonnen. Die Eingangstür des Hauses wurde nicht benutzt. Sondern man ging eine überdachte, steile und schmale Holztreppe hinauf und war in der Veranda. Dort stand ich zaghaft vor der geschlossenen Tür. Sie wurde geöffnet. Meine Schritte hatten genügt, um mich anzukündigen. Direkt hinter der Tür: der Friseurbereich. Hannelore, eine junge Frau, mit kurzgeschnittenem, lockigem Haar, wartete mit dem Umhang in der Hand, bis ich Schultasche und Jacke abgelegt hatte. Ihre Mutter mit grauem Knoten am Hinterkopf ging hin und wieder durchs Zimmer und richtete ein beiläufiges Wort an mich. Wie es der Oma ginge? Hannelore fragte: Wie kurz? Meine Mutter hatte mir eingeschärft: Sehr kurz. Ich sagte: Sehr kurz. Hannelore steckte die Haare in Position. Es waren bereits kurze Haare und ich wünschte mir lange. Dunkle Büschel fielen zu Boden. Mein Gesicht im Spiegel erzählte unentwegt von der Klassenarbeit, die ich in meiner Schultasche hatte, und was mir bevorstand, wenn ich nach Hause kam. Hannelore fragte: Ist das kurz genug? Ich verneinte und schloss die Augen. Als ich mein Bild wiedersah, wollte ich weinen. Der Preis lautete: sechs Mark. Ich konnte weder "danke", "bitte" und kaum ,,aufwiedersehn" sagen. Ich ging die Verandatreppe hinunter, als führe sie in den Kerker. Die Bäume blühten. Der Himmel war strahlendblau. Die Schultasche furchtbar schwer. Es ging bergauf; jeder weitere Schritt machte das Gehen schweren. Schließlich kam der rote Giebel in Sicht. Dann sogar das Küchenfenster. Dann Mutter am Küchenfenster. Die Haustür würde bereits einen Spaltbreit für mich geöffnet sein. Wie siehst du denn aus? hallte es durch den Flur. Du hattest gesagt: kurz. Die bevorstehende Frage nach der Klassenarbeit nahm mir schier den Atem. Ich schluckte alles hinunter mit langsam zum Mund geführtem Essen. Jeder Löffel eine Qual und eine Erleichterung: Ich musste nicht reden. Mutter erledigte in der anderen Ecke den Abwasch, gleich würde sie meinen Teller fordern, denn sie war schon so gut wie fertig. Die Frage kam. Ich sagte zwischen zwei Löffeln: Ja, in der Tasche, das grüne Heft. Sie schlug es auf, und ich duckte mich. Ihre Reaktion fiel erstaunlich milde aus. Ich nehme an, sie hatte Mitleid mit meinem Gesicht. Abends im Bett der Entschluss: Nie wieder Friseur! Ich war elfeinhalb Jahre alt. Noch ein Mal zur Konfirmation: Ich sah aus wie eine zu jung geratene Oma. Danach verschärften sich die Kämpfe. Täglich mindestens einer am Mittagstisch. Frontlinie: Haar in der Suppe. Nicht das der Köchin. Angewachsenes Haar. Lang gewachsen. Tu endlich das Haar aus der Suppe. Es waren nur die Haarspitzen.

Aus: ndl - neue deutsche literatur, Aufbau Verlag, 2001