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ARUNDHATI ROY

Regina Ray für Deutschlandfunk Köln, 2000

Autorin:
Auf die Frage, was sie als nächstes schreiben würde, antwortete Arundhati Roy ausweichend, sie wisse nicht, ob sie nochmals einen Roman schreibe, es könnne auch etwas ganz anderes werden, kein Roman, ein Film vielleicht (sie schrieb zuvor auch Drehbücher), wahrscheinlich etwas ganz anderes. Womit sie sich danach zu Wort meldete, hätte für die, die sich gerne in ihrem Ruhm gesuhlt hätten, wahrscheinlich kaum schlechter ausfallen können: "Politische Einmischungen" lautet der Untertitel. Das 150 Seiten starke Buch vereinigt zwei Essays. Einer davon macht den Buchtitel aus: "Das Ende der Illusion". Arundhati Roy beschreibt ihren Schock, als sie 1998 nach einer Lesereise im Westen nach Indien zurückkehrte, wo kurz zuvor in der Wüste Thar unterirdische Atemtests durchgeführt worden waren. In der Folge erklärte sich Indien zur Atommacht. In den Zeitungen überwogen Schlagzeilen wie: "Wir sind wieder wer!" oder: "Ein Augenblick des Stolzes". Oft ließ sich beim ersten Überfliegen der Artikel nicht sagen, ob von der Bombe oder von Viagra (zeitgleich in aller Medien Munde) die Rede war. Nachdem auch Pakistan, Indien folgend, ebenfalls spektakuläre, nukleare Tests durchgeführt hatte (und nun auch zum Club der Atommächte gehört), kommentierte der indische Verteidigungsminister "wir sind stärker und potenter" - Protzgebaren von Politkern, unterstützt durch die Medien, und beide zusammen taten so, als ginge es um Jungenstreiche, wo es in Wirklichkeit um das Weiterbestehen unseres Planeten in seiner bisherigen Form geht. Dazu Arundhati Roy:

Zitat: "Wenn der Atomkrieg doch nur eine andere Art von Krieg wäre. . .. Aber das ist er nicht. Wenn es einen Atomkrieg gibt, heißt unser Gegner nicht China oder Amerika oder Pakistan. Unser Gegner ist dann der ganze Planet. Die Elemente selbst - der Himmel, die Luft, die Erde, der Wind und das Wasser - werden sich gegen uns wenden und ihr Zorn wird furchtbar sein".

Autorin: Indien machte bereits 1975 erste nukleare Gehversuche. Erst 1998, also mehr als 20 Jahre später, kam es zu den beschriebenen Atombombentests. Arundhati Roy zögert nicht, diese Entwicklung auch als Ausdruck eines latenten Faschismus in der indschen Politik, aber auch des Alltags zu beschreiben. Sie spart ebenfalls nicht mit Kritik an der Arroganz westlicher Staaten. In deren Presseberichten überstieg die Aufmerksamkeit für das Novum einer dunkelhäutigen Atommacht und den damit verbundenen rassistischen Vorbehalten oft die generelle Besorgnis über das atomare Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan. Der Essay bekommt gerade in diesen Tagen neue Brissanz, nachdem bekannt wurde, dass Indien im Jahr 2000 seine Militärausgaben gegenüber dem Vorjahr um 28,2% erhöhte - die größte Erhöhung der Geschichte. Die Rüstungsausgaben betragen in Indien für dieses Jahr 26,6 Milliarden Mark. Auch in ihrem anderen Essay geht es um große Dimensionen, große Zahlen, große Staudämme - und es geht ums Geschäft. Arundhati Roy hat sich in den Kampf um das Narmada- Staudamm-Projekt gestürzt. Ein Kampf, der seit Jahrzehnten geführt wird:

Die Narmada ist ein 1300 km langer Fluß mit 41 Nebenflüssen und fließt überwiegend durch Laubwälder und den vielleicht fruchtbarsten Ackerboden Indiens, bis er im Westen, im Bundesstaat Gujarat, das Meer erreicht. Geplant sind 3200 Staudämme, darunter zwei Megastaudämme. Durch auch nur einen der beiden, im letzten Jahr ging es um den Sardar Sarowar Staudamm in Gujarat, werden nach Fertigstellung 4.000 Quadratkilometer Land unter Wasser gesetzt. 200.000 bis 400.000 Menschen werden dann ihr angestammtes Land verlieren, alles was ihre Existenz ausmacht.

Arundhati Roy schätzt die Zahl derer, die seit Bestehen der indischen Republik wegen Staudammprojekten umgesiedelt wurden auf 50 Millionen Menschen. 50 Millionen !! Was sich Zwangsumsiedlung nennt, ist in Wirklichkeit meistens schlicht Vertreibung. Betroffen ist überwiegend die indigene Bevölkerung, die nach offizieller Gesetzgebung sogar geschützt wird; de facto ist sie es aber gerade nicht. "Indiens Ärmste subventionieren den Lebensstil der Reichen", so formuliert es Arundhati Roy. Aber auch andere Interessenten sieht sie am Werk:

Zitat: "Die Weltbank zückte das Scheckbuch, noch bevor die Kosten kalkuliert und genauere Untersuchungen angestellt worden waren und bevor irgend jemand eine noch so vage Vorstellung davon hatte, welche ökologischen Auswirkungen der Bau des Staudamms haben würde und welchen Preis die Menschen zahlen müßten .... Indien befindet sich heute in einer Situtation, in der es der Weltbank mehr Geld für Zinsen und Tilgungsraten zahlt, als es von ihr bekommt."

Autorin: Deutsche Konzerne waren übrigens auch an der Finanzierung beteiligt. Doch dieses Ausmaß an Widerstand gegen ein Megastaudamm-Projekt hat es bisher weltweit noch nie gegeben. Seit 20 Jahren leben die Menschen im Umland des Narmada in Angst, dass ihr Land überflutet und sie selbst vertrieben werden. Und viele von ihnen mußten es bereits erleben. 1995 erwirkte die Widerstandsbewegung einen Baustopp für einen der beiden Megastaudämme. Trotzdem wird weitergbaut.

Arundhati Roy hat das Preisgeld ihres Booker Prizes sowie Tantieme an einigen Übersetzungen ihres Romans in verschiedene indische Sprachen - und nicht zuletzt ihren körperlichen Einsatz, sowie ihren Ruhm - der Bewegung zur Verfügung gestellt. Ihren Essay, der im letzten Jahr zeitgleich in zwei indischen Zeitschriften und später als Buch erschien, nannte sie, in Anlehnung an ihren Roman “"The God of Small Things", "The Greater Common Good". Wer auf einen weiteren Roman von Arundhati Roy hoffte, wird erstmal enttäuscht, wer einen Thriller möchte: ihr Essay über das Narmada-Staudammprojekt ist einer: sorgfältig recherchiert, aber mit offenem Ausgang: das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht abzusehen. Noch kann es begrenzt werden.

Zu: Arundhati Roy, Das Ende der Illusion, Blessing Verlag, 1999