DILIP CHITRE

Dilip Chitre ist 1938 in Baroda geboren, lebt heute in Poona, die meiste Zeitseines Lebens verbrachte er jedoch in Bombay. In Indien wurde er mit vielenPreisen für sein literarisches Werk ausgezeichnet, für seine Prosa genauso wiefür seine Lyrik. Neben seiner literarischen Arbeit gilt seine Liebe noch diversenanderen Künsten.

In den neunziger Jahren drehte Dilip Chitre mit dem Münchner Filmemacher HenningStegmüller einen Film über Bombay mit dem Titel ÑGeliebter Molochì. Sein jetzt imA1 Verlag erschienenes Buch hat dasselbe Sujet. Es vereinigt vier Erz”hlungenunter dem Titel "BombayQuartett". Zusammen geben sie einen kaleidoskopischenBlick auf diese Millionenstadt. Die ersten beiden Geschichten schrieb Chitrebereits 1967 und 1968, die folgenden beiden zwanzig Jahre sp”ter. Erstaunlichist, dass sie sich lesen, als w”ren sie gerade erst zur Jahrtausendwendeentstanden. Die zweite Erz”hlung dieses Bandes sticht besonders hervor:

Dilip Chitre:"Rudhiraksha" ist das zentrale Stück, es ist das st”rkste und eskommt der Art am n”chsten, meine Weltsicht in einer nicht-narrativen Formauszudrücken. Es gibt kurze narrative Passagen, aber es ist kein erz”hlenderText. ... Und die ganze Sache, das Projekt "Rudhiraskha", kreist darum, dieErinnerung des Planeten wiederherzustellen.

Diese Erinnerung sucht der Protagonist im Abfall der Stadt. Indem er den Gerüchendes Abwassers nachgeht, spürt er die Geschichten der unterschiedlichenEthnien auf, den Parsen, Hindus, Muslime, Juden, der Angloindern, Afghanen,Nepalis. Bombay ist das Tor Indiens nach Westen und wie N.Y.C. auf einer Inselerbaut, die bis heute 15 Mio. Bewohner angezogen hat:

Dilip Chitre: Ich liebe Bombay und ich hasse Bombay. Ÿhnlich wie ich auch N.Y.C.lieben oder hassen würde. Dasselbe trifft nicht auf Berlin oder Paris zu, siesind in gewisser Weise offener. London ist auch keine Bedrohung. Aber St”dte wieN.Y.C. oder Bombay sind reale Bedrohungen ...

Die erste seiner Geschichten aus "BombayQuartett" ist am ehesten in einemherkömmlichen Erzählstyl geschrieben, eine moderne Fabel. Die Hauptfigur, einjunger Mann, gerät in den Bann eines Edelsteins, eines Saphirs. Die letztenbeiden Geschichten werden jeweils von mehreren Charakteren bevölkert, die dielängste Zeit ihres Lebens bereits hinter sich haben.

Dilip Chitre: "Vollmond im Winter" geht um nach-klimakterische Männer und Frauen,Leute die die Fünfzig überschritten haben und noch verzweifelt an ihren Fantasienüber sexuelle Potenz hängen, es geht um Geschlechterpolitik und all das. Und esendet in einem bizarren Selbstmord der Frau, die jene Art von mysteriösemHauptcharakter abgibt, der die Männer in Beschlag nimmt.

In der letzten und kürzesten Geschichte des Bandes stehen sich zwei Juden alsProtagonisten gegenüber. Der Ich-Erzähler wird in einem unfreiwilligen Rausch,ausgelöst durch eine hochpotente Droge nach muslimischem Rezept, fast zwischenden Fronten der beiden zerrieben. Wie in allen Texten ist auch in diesem seineErzählweisekeine lineare, sondern ein Zusammenschnitt vieler Facetten, die esdem Autor erlauben Quantenphysik und Traumwelten, Geschäft und Romantik, Abfallund Anmut nebeneinander zu stellen. Und wie der sprichwörtliche rote Faden, sozieht sich die treibende Kraft des Sexus durch diese Geschichten, einunablässiges Aufbrechen, sich Verwandeln:

Dilip Chitre: Es hat etwas von einem Labyrinth, aber es hält den Leser auch wach!... es ist als würde man Kurven fahren und nicht wissen, wie die Straþeweiterführt. Und so weiþ man nicht, ob es abwärts geht oder weiter bergauf, esist eine sich ständig windende Art. Ich erwarte vom Leser eher, dass er an meinemProzess teilnimmt, als dass ich ihm - oder ihr - etwas gebe, das er passivaufnimmt. Ich bin keine Mattscheibe, ich bin ein Autor, und ein Autor mussmit seinem Leser arbeiten - die ganze Zeit.

Seinen Schreibstil führt Dilip Chitre letztlich auf sein Leben zurück. Darauf,dass er bereits als Kleinkind zwischen Büchern aufwuchs und darauf, dass er alsAchtjähriger von seinem Vater eine Super8- Kamera geschenkt bekam. Der Kernseiner Dichtung ist die ausgeprägte Bildhaftigkeit, kombiniert mitPerspektivenwechseln und vielen Mitteln, die uns aus der Filmkunst bekannt sind:

Dilip Chitre: Es gibt eine Nahaufnahme, dann eine lange Fahrt, du spielst mit derDistanz, mit der Perspektive, sie kehrt sich um, der Blickwinkel ändert sich. Undich mache das Satz für Satz. Ich fing an, ernsthaft zu schreiben, als ich 16 war.Aber davor war das Visuelle. Und die Musik kam sogar noch davor. Seit ich dreiJahre alt war, interessierte ich mich sehr für Musik. Und alle diese Dinge,flieþen in gewisser Weise in meine Arbeit ein, in mein Prosa-Werk.

Chitre hat für Indien den Ton gefunden, der dem Land seine Rätselhaftigkeitlässt, der die Widerspüche des Alltags, das breite Spektrum seiner Philosophienund Religionen nicht nivelliert. Alles hat Platz. Vieles ist gefährdet:

Dilip Chitre: Wir haben in Indien eine Zivilisation, die sich seit fünftausendJahren fortsetzt. Und wir sind eine reichere, eine komplexere Zivilisation alsdie chinesische. Oder irgendwo sonst auf der Welt. Das ist es, wieso ich gestern... sagte: die andere Erste Welt, hier ist die Zweite Welt und Amerika ist dieDritte Welt. Wirklich! Was Kultur, Zivilisation und die Fähigkeit angeht zuüberleben. Ðber Dinge hinwegzukommen. Wir sind über Katastrophen hinweggekommendurch die gemeinschaftliche Intelligenz so vieler Kulturen, die hier aufeinanderstoþen, aber auch als eine Einheit zusammenhalten. Aber wenn das verschwindet,gibt es keine Hoffnung mehr für die Erde. Und das ist auch das untergründigeThema von"Rudhirakhsa", dem Kernstück.

Dilip Chitre ist wieder bei seiner Lieblingsgeschichte angelangt, die für dengeneigten Leser vermutlich die schwierigste sein wird. Aber auch die reichste.Und die übelstriechende. Für Menschen, die einen Blick für Feinheiten haben, fürdie Fragen und wie sie gestellt werden oft interessanter sind als die Antwortenund die neugierig sind auf alles zwischen Kosmos, Welt und Abfall, denen seidieses Buch sehr empfohlen.