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SUNIL GANGOPADHAY

Sunil Gangopadhyay wurde 1934 in einem kleinen Dorf im heutigen Bangladeshgeboren. Nach der Teilung British Indiens, 1947, floh er wie viele seinerHindu-Landsleute in den indischen Teil Bengalens. In Bengali, seinerMuttersprache, ist er der meistgelesene, zeitgenössische Autor. Den jetzt imLotos Verlag erschienenen Roman "Der Widerläufer" hat er bereits vor mehr als 30Jahren geschrieben:

Sunil Gangopadhyay: Ich glaube, er wurde 1970 veröffentlicht. Damals begann ichdamit, Romane zu schreiben. Davor schrieb ich Lyrik und hatte nicht die geringsteAhnung, wie ich einen Plot für einen Roman bekommen sollte. Es war in denSechzigern, in Indien herrschte tiefe Rezession und tausende, ja Millionen jungerMänner waren arbeitslos. Ich war einer von ihnen.

Siddharta, der Held der Geschichte, ist ebenfalls einer von ihnen. Nur wenigälter als zwanzig Jahre, fühlt er sich der Verantwortung, die auf ihm lastet,nicht gewachsen. Er ist der älteste Sohn, sein Vater ist kürzlich verstorben.Seine etwas jüngere Schwester und er mussten ihr Studium wegen Geldmangelsabbrechen. Aber Siddharta findet keinen Job. Die gesamte Familie ist daher fastausschlieþlich vom Verdienst der Schwester abhängig: die Mutter, die beidenBrüder, ein Onkel und die Schwester selbst. Jeder weiþ, dass ihr Chef nicht nuran ihrer Arbeitskraft interessiert ist. Aber niemand will es wirklich wissen. DieFamilie ist auf das Geld angewiesen. Siddharta schwankt zwischen Schuldgefühlenund Wut. Eine Lage, in der auch Sunil Gangopadhyay war, auch sein Vater starbfrüh, auch er musste die Familie untersützen, in gröþter Hitze mit manchmal 300Mitbewerbern nach einem Job anstehen.

Sunil Gangopadhyay: Das schildert überwiegend meine Erfahrungen beiVorstellungsgesprächen und wie lustig sich die Kommissionen benahmen (lachtironisch). Denn noch bevor sie uns einluden, hatten sie bereits eine oder zweiPersonen ausgewählt. Deshalb war das alles eine Farce. Sie erlaubten sichwirklich nur einen Scherz mit uns. Eine beginnende erste Liebe mildert diehoffnungslose Lage des Protagonisten und gibt dem Leser Einblick indas durchaus selbstbewusste Rollenverständnis junger Frauen derdamaligen Zeit. Auch dieser Situation fühlt sich Siddharta letztlichnicht gewachsen. Er schwankt zwischen einem lähmendenUnzulänglichkeitskomplex und einer sich steigernden Wut gegenalles und jeden. Gegen Ende des Romans fügt er sich in eiserneDisziplin, nimmt den schlecht bezahlten Job eines Vertretersfür pharmazeutische Produkte an, und kann dadurch Kalkuttaverlassen. Bevor er geht, schwört er Rache.

Sunil Gangopadhyay: Er dachte sich, eines Tages wird er jeden bestrafen wird. Erwird den Boss seiner Schwester bestrafen, die Leute, die fiktiveVorstellungsgespräche abhalten, er wird die Polizisten bestrafen, die Regierung,alle! Aber unglücklicherweise war er allein.

Der eher einfach strukturierte Roman ist vor allem ein Zeitdokument. Kurz nachdemer erschienen war, schlug in Westbengalen eine radikale, maoistisch-orientierteBewegung los. In Naxalbari, einem kleinen Dorf in Nordbengalen, fanden die erstenHinrichtungen statt von ausbeuterischen Managern und Teeplantagenbesitzern.Getrieben von jener grenzenlosen Wut und Hoffnungslosigkeit wie sie auch dieFigur Siddharta empfand, organisierten sich Anfang der 70er Jahre tausende vonjungen Männern. In Kalkutta versammelten sich die Literaten jener Tage unter demBegriff "hungry generation". Sunil Gangopadhyay zählt sich selbst jedochnicht dazu.

Sunil Gangopadhyay: Ich gehörte nicht dazu, aber einige meiner Freunde bildetendiese Gruppe, die sich "hungry generation" nannte. Es ist eine Mischung aus"angry generation" wie es sie in England gab und der "beat generation" Amerikas.Ich war zu stolz, dem westlichen Muster zu folgen, deshalb blieb ich allein.

Aber er hatte enge Verbindungen mit den berühmten Vertretern der amerikanischenBeat-Generation. Er war es, der damals Alan Ginsberg und Peter Orlovsky indie sehr lebendige literarische Szene Kalkuttas einführte. Im Gegenzug lernteer 1963 das wilde Leben der Beatnicks in N.Y. kennen.

Sunil Gangopadhyay: Mit Alan Ginsberg und Gregory Corso, und auch mit JackKerouac war ich befreundet. Damals wurde Jack Kerouac gerade alsRomanschriftsteller berühmt, und er gab mir Ratschläge. Ich traf ihn in New York,in Greenwhich Village, wo sie alle zusammenkamen, Gedichte vorlasen und dieNächte hindurch redeten und sangen; es war eine groþartige Zeit, die ich damalserlebte.

Diese Ereignisse liegen noch etwas länger zurück als der vorliegende Roman. Offenbleibt, wieso der Verleger gerade ihn zur Ðbersetzung auswählte. Es gibtausgereiftere Werke von Sunil Gangopadhyay. Vielleicht liegt ein Grund darin,dass Satyajit Ray, der groþe Mann des indischen Films, das Buch verfilmt hat.Dennoch: die Leistungen von Verleger und Ðbersetzer sollten Anerkennung finden,denn kaum ein Verlag macht sich heute die Mühe, einen Autor aus seiner indischenOriginalsprache übersetzen zu lassen. Sunil Gangopadhyay erzählt, wie lange dasGanze gedauert hat:

Sunil Gangopadhyay: Es ist mein erstes Buch auf deutsch. Ðber viele Jahre wurdees aufgeschoben. Alokeranjan Dasgupta, der Dichter, der hier in Deutschland lebt,er wollte es ins Deutsche übersetzen. Das war vor zehn oder zwölf Jahren. Undauch den Verleger, Roland Beer, traf ich, er kam mehrere Male nach Kalkutta. Aberirgendwie kam es nicht zustande. Erst kürzlich, erst jetzt sehe ich, dass dieses Buch das Tageslicht erblickt hat.