TASLIMA NASRIN

Regina Ray:Taslima Nasrin lebt seit ca. einem Jahr in Paris. Dass sie Schweden verlassen hat, hing hauptsächlich mit dem Klima zusammen: es war vor allem viel zu lange dunkel, wie sie sagt. In Paris steht ihr "Edition Stock" zur Seite, ein Verlagshaus mit langer Tradition, das überwiegend namhafte, ausländische Autoren in französischer Sprache verlegt. Mittlerweile wurden dort bereits sechs Bücher von ihr publiziert. Das jetzt im Rowohlt Taschenbuch-verlag erschienene Buch "Das Mädchen, das ich war", erschien vor zwei Jahren zuerst in französicher Sprache, ein Jahr später schließlich auch in der Originalsprache Bengali in Kalkutta. Ich fragte Frau Nasrin, was sie dazu bewegte, die Biographie ihrer Kindheit zu schreiben, ob es einen Auslöser gab.

Taslima Nasrin: Ich lebe jetzt seit sechs Jahren im Exil.... Ich wollte zurückschauen, ich wollte sehen, wie ich geboren und aufgezogen wurde, in welcher Gesellschaft; und es war wichtig, denn es geht nicht nur um mein eigenes Leben: die gleiche Art Leben haben auch alle anderen Mädchen in meinem Land, in einer moslemischen Gesellschaft. Ich mußte einfach zurückschauen. Es war mir ein Bedürfnis, meine Geschichte zu erzählen, und es war mir ein Bedürfnis die Geschichte anderer Mädchen zu erzählen......(Und) ich denke nicht, dass ich dieses Buch geschrieben hätte, wenn ich in Bangladesh leben könnte - das Exil hat mich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben.

Regina Ray: Taslima Nasrins Portrait ihrer eigenen Kindheit ist jedoch keineswegs die Kindheit eines jeden bengalischen Mädchens. Ihre Familie gehört zu den sogenannten "besseren Leuten". Doch immer wieder kommen auch die Gefühle und Lebensbedingungen der "einfachen Leute" zur Sprache, sind eng mit dem eigenen Befinden verwoben: Zum Beispiel die Schicksale der verschiedenen Hausmädchen, die die Familie über die Jahre beschäftigte. Sehr eigen der Ton, wie sich die Schicksale berühren, vermischen - wodurch, u.a. auch jenes Land, Bangladesh - überwiegend während der sechziger und siebziger Jahre - beschrieben wird: Stimmungsbilder einer Gesellschaft bildungshungriger und dabei auch bigotter Bengalen und solchen, schlicht am Rande des Lebensmöglichen. Wie auch ihre anderen Bücher ist "Das Mädchen, das ich war" in Bangladesh nicht erhältlich.

Taslima Nasrin: Es wurde verboten, gleich am nächsten Tag, nachdem es in Kalkutta erschienen war. .......Die Premierministerin, Sheik Hasina, kam nach Paris und die Journalisten fragten die Premierministerin von Bangladesh: warum haben sie Taslimas Buch verboten? - das brachte "Le Monde" auf der Titelseite - und sie sagte sehr stolz: weil Taslima Pornographie geschrieben hat, deshalb habe ich das Buch verboten. Die Journalisten fragten auch mich: Was denken Sie über ihren Kommentar und ich sagte, dass ich über meine Kindheit schrieb. Wie könnte das Pornographie sein?... "Lajja" (gesprochen: Lojja) wurde verboten, weil die Regierung die Wahrheit nicht ertragen konnte. Und das neue Buch wurde verboten, ja, eigentlich auch, weil sie die Wahrheit nicht ertragen konnten. Aber sie bezichtigten mich der Pornographie!

Regina Ray: Insbesondere bei der Beschreibung ihres größten Traumas, der versuchten Vergewaltigung durch einen Onkel, scheut sich Taslima Nasrin nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Und auch die moralische Doppelbödigkeit im Hause eines moslemischen Heiligen entlarvt sie mehrfach. Eine der Schussfolgerungen daraus hieß für sie, sich schon vor Jahren vom Islam, genaugenommen von der Religion im Allgemeinen zu verabschieden - ein Thema, das breiten Raum in ihrem neuen Buch einnimmt.

Taslima Nasrin: Ich wurde vor langer Zeit Atheistin. Ich beschrieb in meinem Buch, wie ich Atheistin wurde. ... Ich war sehr neugierig herauszufinden, was im Koran geschrieben steht. Denn ich wurde gezwungen, den Koran zu lesen ohne die Bedeutung zu verstehen. Ich kannte nicht die Bedeutung eines einzigen Wortes. Aber es wird gesagt, man braucht nichts von der Bedeutung zu verstehen, man soll es (nur) lesen... Man muss den Koran in Arabisch lesen, das war die Regel. Und ich war neugierig, zu erfahren, um was es geht - ich las die bengalische Übersetzung, und ich war, ich war so schockiert: wie konnte es sein, dass so schlechte Dinge in einem heiligen Buch stehen? ...Da hörte ich auf zu glauben, den Koran zu lesen, zu Gott zu beten oder irgendetwas dieser Art, weil ich fand, das ist Scheiße. Religion ist Scheiße!

Regina Ray: Nur wenn sie über die Literatur und die Lieder ihres Landes zu sprechen beginnt, kommt sie ins Schwärmen:

Taslima Nasrin: Rabindranath ist der größte. Wie wurden damit erzogen, Rabindranath Tagore zu lesen. Er ist wie die Luft zum Atmen. So ist es. Immer noch ist es so für die meisten Leute in Bengalen. Rabindranath ist nicht wegzudenken, man kann nichts lesen, bevor man nicht zuerst ihn gelesen hat. Es ist wie ein heiliges Buch. Rabindranaths gesammelte Werke, das ist ein heiliges Buch. Für mich war Rabindranaths Buch viel heiliger als der Koran. Ganz gewiss. Koran - das ist Pornographie. Wirklich Pornographie..... Tagores Schriften sind heiliger als der Koran oder die Bhagavatgita oder die Bibel.....

Regina Ray: Da ist es verständlich, dass beispielsweise die Lese- und Musikabende mit den Geschwistern Höhepunkte dieser Kindheit waren; ein heimliches Feuerwerk der Gefühle krönt und beendet sie: das erste Verliebtsein - in ein wunderschönes Mädchen, älter als sie selbst. Diese leuchtenden Szenen, ebenso wie jene am anderen Ende der Skale, jene der familiären Gewalt, könnten auch Teil eines Drehbuchs sein. In jüngster Zeit ist eine Verfilmung des Buches im Gespräch.

Taslima Nasrin: Ja, in Indien wollte ein bekannter Filmemacher einen Film darüber drehen, eigentlich über mein Leben. Ich schreibe weiter über mein Leben, ohne das geringste Zögern, ich sage die Wahrheit. Ich schreibe in meinem Buch über die Verhältnisse, die mein Vater mit anderen Frauen hatte, wie ich von meinem Onkel vergewaltigt wurde, wie er versuchte mich zu vergewaltigen, als ich klein war. Meine ganze Familie wurde nun wütend auf mich. Aber das kümmert mich nicht, ich sage die Wahrheit. Es geht nicht um das Leben eines einzigen Mädchens, es ist kein einmaliges Leben, viele, viele Mädchen werden in unserer Gesellschaft von Verwandten vergewaltigt. Und das ist ein furchtbares Leben. Es ist die Geschichte von Millionen von Mädchen, darüber schreibe ich...Nicht nur in Bangladesh.