AMITAV GHOSH

Autorin: Wer Amitav Ghosh von seinem zuletzt, 1996, in deutsch erschienenRoman kennt, wird von seinem neuen Werk überrascht sein. Während "DasCalcutta-Chromosom" auf verspielte und witzige Weise eine Brücke schlugzwischen Sciene-Fiction und Historienepos, hat sich der Autor mit seinemneuen Werk "Der Glaspalast" ganz dem historischen Roman zugewandt. Auf 600Seiten erzählt er auf sehr stringente Weise mehr als hundert JahreGeschichte.

Sie beginnen im Birma des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, kurz vor derInvasion der Briten, und enden auch in Birma: in der Militärdiktatur, inRangun im Jahre 1996. Einer der Nachkommen der Hauptfigur führt hier einFotoatelier mit dem Namen "Glaspalast". "Glaspalast" war das häufiggebrauchte Wort seiner Mutter, die in ihrer Kindheit Zofe am birmanischenKönigshof war. Der Glaspalast war damals der Audienzsaal und über und übermit Glas, Edelsteinen und Spiegeln verziert.

Die Hauptfigur heißt Rajkumar, stammt aus Indien, und arbeitet zu Beginn desRomans als Küchenjunge in der Nähe des königlichen Palastes in Mandalay, demdamaligen Regierungssitz Birmas. Er ist Waise und den Launen seiner Chefin,einer durchaus gutmütigen Witwe ausgesetzt, die ihn unter ihre Fittichegenommen hat. Sein weiteres Leben nimmt aufgrund der politischen Entwicklungsehr erstaunliche Wendungen. Ghosh zeigt an dieser Figur, wie die Umbrücheund Einbrüche einer Zeit, einer Region, Einzelnen zu Macht und Reichtumverhelfen können. Vorrausgesetzt, sie sind clever und skrupellos genug. Ineinem Statement der birmanischen Königin fasst der Autor knapp zusammen, wasauf vielen Seiten anklingt - die weitreichenden Auswirkungen der AnnektionBirmas durch die Briten:

Zitat: Ja, wir, die wir einst die Herrscher waren über das reichsteGefilde Asiens, so tief sind wir gesunken. Das haben sie uns angetan, und daswerden sie ganz Birma antun. Sie haben uns unser Königreich genommen, habenStraßen und Bahnhöfe und Häfen versprochen ... In wenigen Jahrzehnten schonwird aller Wohlstand dahin sein - all die Edelsteine, das Holz und das Öl -und dann werden auch sie wieder fortgehen. Alles, was bleiben wird in unseremgoldenen Birma, wo niemand je hungern musste und niemand zu arm war, umschreiben und lesen zu lernen, wird Armut sein und Unwissen, Hunger undVerzweiflung."

Autorin: Doch für Rajkumar wird das Leben nach der britischen Übernahme erstrichtig spannend. Er verliebt sich, selbst fast noch ein Kind, in diehübscheste Zofe der birmanischen Königin. Die Schönheit und der Liebreizdieses etwa zehnjährigen Kindes und der späteren Frau zieht sich wie einsilberner Faden beinahe durch den ganzen Roman. Aus der Verbindung zwischenihr und Rajkumar entstammen Nachkommen, die uns den Wandel der Geschichte inSüdostasien bis in die Neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erlebenlassen.

Rajkumar macht sein Geld im Teakholzgeschäft, sein Freund investiert in eineKautschukplantage. Wie in seinen früheren Romanen gibt Ghosh durch seineCharaktere gerne detallierte Einblicke in Sachzusammenhänge. Dieses Mal sindes die Techniken zur radikalen Nutzbarmachung der Naturresourcen. Erschildert die Leistungen der Arbeiter bei der Teakabholzung und in denKautschukplantagen, die Künste der Mahuts im Umgang mit ihren Elefanten imdichten Dschungel - und vermittelt gleichzeitig die Ausbeutung von Land undLeuten. Einen seiner Protagonisten lässt Ghosh das Sklavendasein auf einerKautschukplantage beschreiben:

Zitat: Jeder Schritt war ständig kontrolliert, beobachtet, überwachtworden; exakt soundso viel Gramm Dünger mussten auf exakt diese Weise inLöcher gesteckt werden, die exakt soundso breit waren. Es war nicht so, dassman zu einem Tier gemacht wurde, ..... - nein; denn selbst Tiere hatten ihrenInstinkt, nach dem sie sich richteten. Man wurde vielmehr zu einer Maschinegemacht; das selbständige Denken wurde einem genommen und durch einenUhrwerk-Mechanismus ersetzt.

Autorin: In die Zeitspanne des Romans fallen zwei Weltkriege, die auch imfernen Südostasien verheerende Auswirkungen hatten. Der Erste Weltkriegbeschert Birma, unter britischer Herrschaft, eine Art Wirtschaftswunder. DieParadoxien des Zweiten Weltkrieges sind in diesem Teil der Erde auf dieSpitze getrieben: Die Britisch-Indische Armee kämpft in Malaysia und Laos,später auch in Birma gegen die vordringenden Japaner. Ihre Strukturen hattensich in den Jahren davor etwas gewandelt, und es war nun auch Indern möglichbis in die obersten Ränge der Armee aufzusteigen. Vonseiten der englischenOffiziere gab es jedoch offenen Rassismus gegenüber ihren indischen Kollegen.Die indischen Kompaniechefs sind daher hin- und hergerissen zwischen der anKraft gewinnenden indischen Unabhängigkeits- bewegung und der Loyalität zuiher Armee, die sie das erst hatte werden lassen, was sie waren. Amitav Ghoshbeschreibt hier ein sehr kompliziertes und weithin unbekanntes Kapitel desindischen Unabhängigkeitskampfes. Wie es ihm gelingt, auf subtile Art, barjeder Schwarz-Weiß-Malerei, verschlungene Zusammenhänge in spannendenRomanstoff zu verwandeln, verdient unbedingt Bewunderung.

Die hundert Jahre Geschichte, die hier auf 600 Seiten verdichtet sind - derKrieg und die Liebe: auch das ein Glaspalast. Der Autor ist bengalischerAbstammung. In Hindi und Bengali ist "Glaspalast" ("Shishmahal") ein häufiggebrauchtes Wort. Es bezeichnet majestetische Schönheit ohne Bestand, auchIllusionen und unerfüllbare Wünsche. Träume also, die leicht zerbrechen.Wenn man das Buch in der Hand hält, fühlt es sich natürlich sehr kompakt an,ganz gegenteilig zur fragilen Wirklichkeit. Es liegt gut in der Hand und hataußerdem einen sehr interessant gestalteten Einband. Fünf Jahre arbeiteteGhosh an diesem Roman. Er recherchierte dafür in verschiedenen TeilenIndiens, in Birma, Thailand und Malaysia. Amitav Ghosh lebt heute in NewYork, ist jedoch in Kalkutta geboren; sein Vater hat die britisch-indischeArme noch aus eigener Anschaung erlebt.