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Deutschlandradio Berlin, Redaktion: Menschen und Landschaften
GELB MIT ETWAS ROT DARIN |
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| Musik: |
Potua-Lied freistellen |
| Erzählerin: |
Swarna streicht mit dem Zeigefinger über
ihre Farben in den sieben Kokosnussschalen. Braun. Rotbraun.
Rotorange. Olivgrün. Dunkleres Grün. Gelb. Helles
Graublau. Sie hat die Finger mit der Flüssigkeit
aus einer braunen Flasche befeuchtet. Die trockenen Farben
werden feucht und glänzen in der Morgensonne. Vor
einigen Tagen hat Swarna mir einen Bel-Baum gezeigt. Aus
seinen Früchten wird die Flüssigkeit in der
braunen Flasche gewonnen. Ein Saft, der die Farben haltbar
und wischfest macht. |
| Atmo: |
Straßenlärm und Stimmen |
| Erzählerin: |
Swarna ist eine hübsche, junge Frau,
gekleidet stets in einen Baumwollsari. Sie lebt in einem
kleinen Dorf südwestlich von Kalkutta. Für die
150 Kilometer muss man mit vier bis sechs Stunden Fahrt
rechnen. Wir sind eine gemischte Gesellschaft: Drei Deutsche
und drei Leute aus Swarnas Dorf. Sie heißen alle
drei wie Swarna mit Familiennamen ³Chitrakar² - Bildermacher,
und genau das tun sie auch. Sie malen Bilder auf lange
Papierbahnen, die dann der besseren Haltbarkeit wegen
oft auf Baumwollstoff aufgezogen werden. Manche der Bildrollen
sind nur 10 cm breit und einen Meter lang. Andere sind
50 cm breit und sieben Meter lang. Und natürlich
gibt es auch alle Größen dazwischen. Swarna
erzählt, wie sie die Farben herstellen, und wie schwierig
es ist, den Bel-Saft zu gewinnen. |
| O-TON: |
Swarna Chitrakar (bengali) |
| Sprecherin 1: |
Wir machen Farben aus ganz verschiedenen
Dingen: aus rohem Gelbwurz, aus Holzapfel, aus den Blättern
des Sheem Baumes oder auch aus den Samen verschiedener
Früchte. Für Rot nehmen wir das Pulver aus Backsteinen,
das hat eine Farbe etwa so wie Orange. Aber am liebsten
arbeite ich mit der Erde aus dem Teich. Bel-Früchte
findet man heutzutage nicht mehr im Dschungel. Wir müssen
sie kaufen. Wir nehmen hundert, zweihundert Stück,
schneiden sie klein und pulen mit dem spitzen Ende des
Pinsels die winzigen Samen heraus. Wir füllen sie
in einen sauberen Topf und kneten sie so lange, bis der
klebrige Saft austritt. Den Saft füllen wir in eine
Flasche und stellen sie in die Sonne. Wenn man die Flasche
später öffnet, kommt einem ein starker Duft
entgegen. Ich mag das sehr, der Bel-Saft riecht gut. |
| Erzählerin: |
Die Malweise der Chitrakars ist seit mindestens
zweitausend Jahren überliefert. Sie sind in Indien
bekannt als ³Potua² und ihre Bildrollen als ³Pot². Schon
die Kinder lernen, wie man die Pflanzenfarben herstellt.
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| O-TON: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Ich habe meist im Haus meines Onkels Dukhushyam
gemalt. Wenn sie die Farben machten, half ich mit. Wenn
Schwarz gemacht wird, muss man den Stoff an beiden Enden
festhalten. Damals nannten sie mich "Rupban³. "Rupban³
ist mein Rufname. Sie sagten: "Komm, kleine Mutter, halt
diese Seite fest³. Ich hielt ein Ende des Stoffes, und
jemand anderes hielt das andere Ende, und das war unser
Filter. Ich sah, wie aus verbranntem Reis schwarze Farbe
wurde. Wenn mein Vater Bohnenblätter zerdrückte,
um den Saft zu bekommen, dann hielt meine Mutter die Schüssel.
Ich war noch ein Kind. Sie sagte zu mir: "Kleine Mutter,
halt mal deinen Bruder eine Weile, ich mach das hier zu
Ende, dass dein Vater an seinem Pot weitermalen kann³.
Ich hielt meinen Bruder auf dem Schoß und beobachtete
meine Mutter. Ich sah, dass sie aus Bohnenblättern
Saft machten. Falls mich jemand fragte, was das für
eine Farbe sei, würde ich einfach nur sagen "Bohnenblätter³.
Seit vielen Generationen kennen wir die Farbe nur unter
diesem Namen. |
| Atmo: |
Howrah-Station
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| Erzählerin: |
Wir sind auf dem Weg in das Dorf Naya.
Eine junge Malerin aus Düsseldorf, deren Bilder eine
gewisse Nähe zur Potua-Malweise zeigen, ist zum ersten
Mal in Indien. Sie hatte sich Gedanken darüber gemacht,
wie ihre sehr kurzen Haare auf die Dorfbewohner wirken
mögen. Swarna lacht. |
| O-Ton: |
Swarna (lacht) |
| Sprecherin 1: |
Ich meine, wenn ich solche kurzen Haare
zum ersten Mal sehen würde, würde ich mich schon
etwas unwohl fühlen. Aber in Kalkutta habe ich verschiedene
Leute herumgehen oder im Restaurant sitzen sehen, die
so aussehen wie sie. |
| Atmo: |
Straßengeräusche Kalkuttas überblenden
in |
| Musik: |
Potua-Lied |
| Erzählerin: |
Ich lernte die ersten Potua 1993 bei der
Buchmesse in Kalkutta kennen. Hunderte von kleinen und
größeren Verkaufsständen, extra für
diesen Anlass errichtet, und zuweilen von der Größe
eines Einfamilienhauses, säumten die Pfade, die durch
ein etwa 10 Hektar großes Gelände führen.
An einer Ecke saßen zwei Männer auf dem Boden.
An der Wand hinter ihnen hingen mehrere Bildrollen, ganz
ausgerollt, so dass man jedes einzelne Bild sehen konnte.
Im Laufe der Jahre hörte ich auch einige der Geschichten,
die auf diesen Bildrollen dargestellt sind. Es sind Geschichten
aus den großen indischen Epen Ramayana und Mahabharata,
Geschichten aus den Puranas, den Mythen der Götter
und Göttinnen. Während der Potua, meist auf
dem Boden sitzend, ein Bild nach dem anderen entrollt,
und zwar so, dass jeweils nur ein oder zwei Bilder zu
sehen sind, singt er die Geschichte, die auf den Bildern
dargestellt ist. |
| Musik: |
Potua-Lied, Rani Chitrakar und Chor: Manasha-Mangal
|
| Erzählerin: |
Das ist das bekannteste Potua-Lied. Und
auch das erste, das ich hörte. Es erzählt die
Geschichte der Schlangengöttin Manasha. |
| Sprecher 2: |
(Mythos von Manasha): Manasha ist die Tochter
des Gottes Shiva. Der Gott hatte seinen Samen in ein Lotosblatt
gelegt und es auf einen Teich gesetzt. Aus dem Blatt wuchs
nach einiger Zeit die Schlangengöttin Manasha heran.
Da sie eine illegitime Tochter war, und niemand unter
den Menschen sie kannte, musste sie selbst sich die Achtung
verschaffen, die ihr gebührte. Sie ging zu König
Chandsaudargar - einem hingebungsvollen Shiva-Anhänger
- und forderte ihn auf, auch sie zu verehren. Doch er
lehnte ab. Daraufhin belegte sie ihn mit einem Fluch:
seine sieben Söhne würden noch vor ihrer Verheiratung
durch einen Schlangenbiss sterben. Und so geschah es.
Es gab nur noch einen Sohn: Lakhindar. Der König
fand eine Braut, die bereit war, Lakhindar trotz dieser
Prophezeiung zu heiraten. Man traf Vorsichtsmaßnahmen.
Vishvakarma, der Gott des Handwerks, wurde gebeten, beim
Bau einer Kammer aus Metall, der Hochzeitskammer, behilflich
zu sein. Sie sollte absolut dicht sein. Vishvakarma willigte
ein. Aber auch die Göttin Manasha ging zu Vishvakarma
und bat ihn, doch wenigstens ein kleines Loch zu lassen.
Die Braut, sie hieß Behula, wachte die ganze Nacht
über ihren schlafenden Bräutigam. Sie selbst
hielt sich durch Betelnusskauen bei Laune. Irgendwann
drehte sich Lakhindar im Schlaf herum und bedrängte
dabei eine Schlange, die durch das Loch in die Kammer
gekrochen war. Die Schlange biss zu. Behula warf den Betelnussschneider
nach ihr, aber vergeblich, sie verletzte sie nur am Schwanz.
Lakhindar war tot. Am Morgen wollte man den Leichnam verbrennen.
Aber Behula bestand darauf, dass man ein Boot aus Bananenstauden
für sie und ihren toten Bräutigam baue und begab
sich damit auf den Fluss. Während der Fahrt hatte
sie viele Gefahren zu bestehen, bis sie schließlich
auf Wäscherinnen stieß, die die Wäsche
der drei großen Götter Shiva, Vishnu und Brahma
wuschen. Behula half beim Waschen, und die Wäscherinnen
nahmen sie dafür mit zu den Göttern. Sie tanzte
und sang vor ihnen. Die Götter lobten sie dafür
und gewährten ihr einen Wunsch. Sie bat um das Leben
ihres Bräutigams und seiner sechs Brüder. Als
König Chandsaudargar seine Söhne wieder hatte,
erschien erneut die Göttin Manasha bei ihm. Mit der
alten Forderung. Dieses Mal willigte der König ein,
sie zu verehren. Allerdings nur mit der linken Hand. |
| Musik: |
Lied noch mal hochziehen |
| Erzählerin: |
Schon kleine Kinder kennen dieses Lied.
Und es ist auch das erste, das jeder angehende Potua lernt.
Swarnas Ehemann ist seiner Abstammung nach kein Potua.
Er war ein Waisenkind. Seine Großmutter hat die
Ehe mit Swarna arrangiert, als er sechzehn war. Später
versuchte Swarna, ihm Malen und Singen beizubringen. Auch
sie lehrte ihren Mann als erstes das Lied von der Schlangengöttin
Manasha. |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
"Hör zu³, sagte ich zu ihm, "ich kenne
die Pot-Lieder, ich werde Bildrollen für dich malen,
ich werde dir die Lieder beibringen, und du nimmst die
Bildrollen und gehst in die Dörfer. Wenn du von Dorf
zu Dorf gehst und die Bildrollen vorführst, wirst
du Reis und Geld bekommen. Wenn den Leuten danach ist,
geben sie dir vielleicht auch Kleider. So wird es uns
möglich sein, weiterzuarbeiten und einigermaßen
angenehm zu leben.³ |
| Erzählerin: |
Seit vielen Generationen verdienen sich
die Potua auf diese Weise ihren Lebensunterhalt. Sie ziehen
von Dorf zu Dorf und führen, singend, ihre Bildrollen
vor. Swarna erzählt, wie sie verheiratet wurde. |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Vor der Heirat kannte ich meinen Ehemann
nicht. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Ich habe ihn nicht
mal dem Namen nach gekannt. Mein Ehemann war bei einer
Hindu-Familie angestellt. Dort hat er Kühe und Ziegen
gehütet und hat sein Essen bekommen. Er war das,
was man einen "Rakhal Chele³, einen Hütejungen nennt.
Er wanderte mit den Ziegen und den Kühen umher. Später
kam seine Großmutter in unser Dorf und sah mich.
Ich wusch gerade die Kleider meiner Brüder und Schwestern.
Als sie mich gesehen hatte, ging sie zu jemandem aus unserer
Siedlung und fragte ihn: "Kannst du mir sagen, wem das
Mädchen gehört?³ - "Weißt du denn nicht,
dass sie die Tochter von Amar ist?³ - "Wie heißt
sie?³ - "Swarna ist ihr Name.³ |
| Erzählerin: |
Als Swarna über ihre Verheiratung
berichtet, schaltet sich eine Nachbarin ein. Sie hatte
schon die ganze Zeit unserer Unterhaltung zugehört.
Swarna wird auch Rupban gerufen, denn wie die meisten
Potua hat sie zwei Namen, einen Hindu- und einen Muslimnamen.
Sie ist zwar erst 25, aber schon seit 14 Jahren verheiratet.
|
| O-Ton: |
Frau Jana |
| Sprecherin 2: |
Als Rupban heiratete, war sie sehr jung.
Ich bin dabei gewesen. Sie war so jung! Und ihr Ehemann
war sehr, sehr dünn. Jetzt sieht er etwas gesünder
aus. Rupban hat sehr schön ausgesehen. Aber ihr Bräutigam,
fanden wir, sah nicht gut aus. |
| Erzählerin: |
Swarna war elf, als man sie verheiratete.
Mit 14 bekam sie ihr erstes Kind, ein Mädchen, und
danach noch zwei. Nach der Heirat zog sie mit ihrem Mann
in dessen Dorf, aber dort erwartete sie nichts Gutes.
|
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Die Leute, die gekommen waren, um bei meiner
Hochzeit zuzusehen, schimpften mit meinem Vater, weil
er so ein kleines Mädchen verheiratete. Er widersprach
und sagte: “Wenn es ein Angebot gibt, dann laßt
es mich tun.³ Später dachte ich darüber nach.
Mein Ehemann war ein Kuh- und Ziegenhirte. Als wir bei
ihm zu Hause lebten, wusste er noch nichts über die
Bildrollen, er wusste nicht mal was über die dazugehörigen
Lieder, er wusste auch nicht, wie man Bilder malt. Er
ging in die Dörfer, in die Häuser der Leute
und erzählte an einem Tag, dass er seine Schwester
verheiraten müsse, am nächsten Tag, dass er
das jährliche Todesritual für seine verstorbene
Mutter durchführen müsse, am übernächsten
Tag, dass sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert worden
sei und dass er hingehen und ihn besuchen wolle. Indem
er bettelte und Lügen erzählte, versuchte er,
für unseren Lebensunterhalt aufzukommen; d.h. für
mich, einen Onkel und eine Tante und noch eine Tante,
zusammen waren wir vier. Aber ich sagte ihm, "du lügst
also und machst auf diese Weise Geld und sorgst für
unseren Unterhalt - aber so wirst du ein Sünder,
und ich werde dir das nicht länger erlauben.³ |
| Musik: |
Ganga-Durga/Jhagra (Duett zweier Frauen
- Streit zwischen den Göttinnen Ganga und Durga)
|
| Erzählerin: |
Doch seine Verwandtschaft war mit dem Bildermalen
und Singen nicht einverstanden. Denn das, was Sambhu,
so heißt Swarnas Ehemann, jetzt nach Hause brachte,
war viel weniger als früher, als er noch bettelte
und die Leute anlog. Es kam immer wieder zum Streit, bis
Swarna und Sambhu wegzogen. Zurück nach Naya, in
Swarnas Dorf. Auch für Munimala Chitrakar, eine Cousine
von Swarna, brachte die Verheiratung mit einem jungen
Mann in einem benachbarten Dorf nur Probleme. |
| O-Ton: |
Munimala Chitrakar |
| Sprecherin 2: |
Meine Schwägerinnen, meine Schwager,
meine Schwiegermutter, niemand von ihnen liebte mich.
Gut, mein Mann verkaufte Abfälle, eine sehr schwierige
Sache. Er sammelte kleine Stücke Blech, Glas und
alles mögliche von den Straßen auf, mit einem
Sack über der Schulter. Das hat er dann verkauft,
kam nach Hause und kaufte Reis und Linsen. Und ich, wie
soll ich sagen, am Tag meiner Hochzeit hatte ich nichts
gegessen, meine Kopfschmerzen waren wiedergekommen, und
was soll ich sagen, ich war jung und sehr hungrig. Ich
ging raus, um Wasser zu holen, in der Nähe eines
anderen Hauses. Dort war gerade eine Hochzeit, und ich
bekam eine Mahlzeit. Von da an hatte niemand mehr auch
nur ein bisschen Liebe für mich übrig. - ³Du
bist frisch verheiratet und gehst in ein anderes Haus
und hast dort gegessen!² Von da an haben sie begonnen,
mich zu schlagen und zu treten. Nimm an, mein Mann brachte
zwei Kilo Reis nach Hause. Meine Schwiegermutter sagte
dann: ³Gib ein Kilo davon deinem Schwager². Ich sagte
vielleicht: ³Mutter, er hat zwei Kilo Reis gebracht, und
wenn er morgen krank ist und nicht arbeiten kann, was
machen wir dann?² - ³Tu, was man dir sagt, und rede nicht
mehr als nötig!² Und wenn dann mein Mann sagte: ³Nein,
wir müssen keinen Reis abgeben², dann hieß
es: ³Was, du hörst auf deine Frau?². Und sie schlugen
ihn und mich auch. Die Schwiegermutter und die Schwager. |
| Erzählerin: |
Munimala, sie ist Mitte 20, etwa im gleichen
Alter wie Swarna, hat bereits sechs Kinder zur Welt gebracht.
Drei davon im Dorf ihres Mannes. Bald danach beschlossen
sie, den Ort zu verlassen und nach Naya zu gehen. |
| O-Ton: |
Munimala |
| Sprecherin 2: |
Irgendwie haben wir weitergemacht, bis
ich verstanden hatte, dass das immer so weitergeht, dass
mein Mann geschlagen wird, dass ich geschlagen werde,
aber besonders mein Mann, regelmäßig von seinem
ältesten Bruder. Damals ging es mir sehr schlecht.
Doch wenn ich protestierte, wenn ich versuchte, meinem
Mann beizustehen, dann bekam ich eine auf die Nase. Und
wie! Blut spritzte aus meiner Nase und aus meinem Mund.
Ich hatte Schmerzen, mir war schwindelig. Da sagten wir
uns, dass wir besser weggehen sollten. Wir gingen nach
Naya. Ich begann, ein Haus für uns zu bauen. Ich
wusste inzwischen, dass mein Mann geistig zurückgeblieben
ist. Er kann keine Bilder malen. Er lernt jetzt ein bisschen
von mir. Aber um ehrlich zu sein, er kann auch nichts
anbauen. Manchmal fährt er Rickschah und verdient
etwas dazu. Mein Mann kann auch Reis kochen, die Gewürze
zu Pulver zermahlen, das Gemüse kleinschneiden, den
Fisch zubereiten. Er ist sehr gut beim Fischen. Er benutzt
eine Angel oder ein Netz. Meine Mutter hatte direkt an
der Straße ein Stückchen Land. Und sie sagte:
³Ich habe etwas Land, bau du dir hier ein Heim.² |
| Atmo: |
Dorf Naya - Rickschahgeräusche, Stimmen |
| Erzählerin: |
In Naya leben verschiedene Bevölkerungsgruppen.
Die meisten Leute hier sind Hindus. Gleich am Ortseingang
stehen die Häuser der Potua, sie sind Muslime. Und
dann leben auch noch einige Angehörige des Stammes
der Santal im Dorf bzw. in dessen unmittelbarer Nähe.
Nach sechs Stunden Fahrt kommen wir in Naya an. |
| Atmo: |
Zuggeräusche, Jeephupen, Straßengeräusche |
| Erzählerin: |
Im Zug war es zuerst so eng, dass nur drei
von uns einen Sitzplatz fanden. Wir wechselten uns ab.
Aber bald hatten wir alle Vororte Kalkuttas hinter uns,
und draußen zeigte sich das ländliche Bengalen:
Bambusstauden und hohe Betelnusspalmen zwischen den Reisfeldern,
strohgedeckte Lehmhäuser. Jungen mit Stöcken
in der Hand passten auf die Ziegen auf. Das letzte Stück
der Strecke bewältigten wir mit einem Jeep. Selbst
das Dach und die Trittbretter waren belegt. Alles in allem
waren wir etwa 40 Personen. |
| Atmo: |
nochmals kurz hochfahren dann überblenden
in |
| Musik: |
Pot-Lied (Dukhushyam Chitrakar), ausblenden |
| Erzählerin: |
In Naya empfängt uns Dukhushyam Chitrakar.
Er hat den ganzen Tag auf uns gewartet und ist immer wieder
zu dem kleinen Teeladen an der Bushaltestelle gegangen.
Seine beiden Söhne, Rahman und Rahim, hatten uns
begleitet. Dukhushyam ist an die sechzig und schon ziemlich
zahnlos. Meist trägt er ein auffallend rotes Hemd,
lang und ohne Kragen, darunter eine weite Hose. Am dritten
Tage verfasst er, inspiriert durch unseren Besuch, ein
neues Lied. Später malt er, oder vielmehr einer seiner
Söhne malt eine Bildrolle dazu. Das Lied besingt
auch die Sorge, die Dukhushyam und einige Potua-Frauen
erfasst, als mich am zweiten Tag ein heftiges Fieber schüttelt.
Aber auch die Konkurrenz zwischen den einzelnen Potua-Familien
kommt zur Sprache. |
| Musik: |
Neues Lied von Dukhushyam |
| Erzählerin: |
Das Lied endet mit der Klage darüber,
dass seine Verdienste als Lehrer vieler jüngerer
Potua von manchem nicht so respektiert werden, wie er
sich das wünscht. Dukhushyam lebt mit seiner Familie
in einem kleinen Lehmhaus. Ich wundere mich, wie es möglich
ist, dass dieses Haus so viele Menschen beherbergt: Dukhushyam
und seine Frau, seine drei Söhne und seine Schwiegertochter,
zwei seiner Töchter, die älteste ist bereits
verheiratet, und ein Enkelkind. Dukhushyam ist einer der
wenigen unter den Potua, die lesen und schreiben können.
Etwa hundert Lieder hat er geschrieben. Das erste, als
er acht Jahre alt war. |
| O-Ton: |
Dukhushyam |
| Sprecher 1: |
Als ich anfing, in die Schule zu gehen,
begann ich auch, Lieder zu dichten. Aber fertig wurde
das erste Lied erst, als ich zehn Jahre alt war. Zur Schule
ging ich, seit ich sechs war. Zu dieser Zeit zog ich allein
von Dorf zu Dorf. Mit neun fing ich an, Lieder zu den
Bildern über das Ramayana und das Mahabharata zu
schreiben. Mein älterer Onkel und mein Schwager brachten
mir das Malen bei. Der Mann meiner älteren Schwester
lehrte mich, die Lieder zu singen. Mit zehn ging ich auf
die Straße mit meiner Arbeit, die ich im Alter von
acht begonnen hatte. |
| Erzählerin: |
Leuten wie ihm ist es zu verdanken, dass
die Potua-Tradition lebendig geblieben ist. In Bombay
werden heute weltweit die meisten Filme produziert. Die
Fernsehverfilmungen der Göttermythen fegten Sonntag
morgens regelmäßig die Straßen leer.
Da konnten die langsam bewegten Bildrollen der Potua nicht
mehr mithalten. Aber nun gibt es seit einigen Jahren Lieder
und Bildrollen mit ganz anderen, neuen Themen. Darin geht
es um die Alphabetisierung, um die Atombombenabwürfe
auf Hiroshima und Nagasaki, ein Erdbeben in Maharastra
1997 und um Aids. |
| Musik: |
Nilranjan und Jharna Chitrakar: Aids-Song-Duett |
| Erzählerin: |
“Wir, die Chitrakars von Habichak, Midnapur,
lassen das alle wissen, durch unsere Pot-Lieder³, heißt
es in dem Lied. Jharna und Nilranjan Chitrakar leben in
Nandigram, einem weiteren Dorf mit Potua-Familien, näher
am Meer gelegen. Die beiden gehören neben Dukhushyam
zu den wenigen, die heute noch Lieder schreiben. |
| O-Ton: |
Dukhushyam übers Liederschreiben |
| Sprecher 1: |
Wer keine Idee hat, dem fehlt auch die
Fähigkeit, ein Lied zu schreiben oder ihm eine Melodie
zu geben. Aber vielleicht kann er singen oder malen. Wie
Dulal Potua. Er kann malen, aber er kann überhaupt
nicht singen. Lieder, Geschichten, Bilder und der Geist.
Das macht einen Potua aus. Oder anders gesagt: Pinsel,
Farbe und die geistige Arbeit, alles drei zusammen. Das
heißt, ein Potua sollte drei Personen verkörpern.
Und er sollte auch die drei Faktoren des Lebens kennen.
Nur etwas über Hindus zu wissen, ist nicht genug.
Auch die Weisheit der Muslime sollte ihm vertraut sein.
Er sollte auch die Stammeskultur der Santal kennen und
unseren Nachbarstaat Orissa. Ein Potua sollte alles wissen. |
| Erzählerin: |
Das sind hohe Ansprüche. Aber wie wird
es mit den Potua weitergehen, wenn nur noch so wenige
neue Lieder entstehen, die alte Generation ausstirbt? |
| O-Ton: |
Dukhushyam |
| Sprecher 1: |
Ich, Dukhushyam Chitrakar, zum Beispiel,
kenne 150 Potlieder! Aber mein Sohn mag nicht singen.
Ich habe darauf bestanden, aber er mag es eben nicht.
Er beherrscht nur zwei oder drei Lieder. Obwohl er sehr
gut malt, kennt er keine Lieder. Und falls doch, dann
eher die Hindi-Film-Songs. |
| Musik: |
Hindi-Film-Song |
| Erzählerin: |
Dukhushyams zweitältester Sohn, er
ist etwa 18 Jahre alt, sitzt die ganze Zeit schweigend
dabei. Als ich ihn frage, welche Hindi-Songs er kenne,
kommt ihm sein Vater zuvor und sagt, das heiße nicht,
dass er sie kenne, sondern nur, dass er sie gern anhöre.
Ich frage Swarna, ob sie schon Lieder geschrieben hat
und wie sie Malen und Singen gelernt hat. |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Ich habe Schritt für Schritt gelernt,
seit ich sechs Jahre alt bin. Singen lernte ich von Onkel
Dukhushyam. Einiges von Onkel Dukhushyam und einiges von
meinem Vater, Amar Chitrakar. Aber Malen lernte ich nicht
von meinem Vater. Er war sehr arm. Er verkaufte seine
Pots für fünf Rupies. Oder er gab sie anderen
zum Verkaufen nach Kalkutta mit. Die sagten ihm dann:
"Bruder Amar, deine Pots bringen nicht so viel Glück,
dass man sie in Kalkutta verkaufen könnte. Wir bieten
sie unseren Freunden oder Freundinnen an, um sie überhaupt
zu verkaufen.³ Tatsächlich hatten sie die Pots längst
zu einem höheren Preis verkauft. Aber ich dachte,
wenn er keinen Erfolg hat und ich nun bei ihm die Pot-Kunst
erlerne, dann werden sich meine Pots sicher auch nicht
verkaufen lassen. Wir waren fünf. Onkel Dukhushyam
war unser Lehrer. Jetzt sehe ich, daß für die
Arbeiten meines Vaters durchaus Nachfrage besteht. Und
was ich mache, wird auch verkauft. Und Lieder? Nein. Ich
habe - ich meine, ein Lied über Mutter Theresa -
mein Bruder ein bisschen und ich ein bisschen - auf diese
Weise haben wir es gemacht. Ich kann nicht schreiben.
|
| Musik: |
Swarna singt |
| Erzählerin: |
Swarna hat nie lesen und schreiben gelernt.
Als Mutter Theresa starb, nahmen sie dies zum Anlass,
ein Lied über die neue Heilige Kalkuttas zu machen,
was ihnen auch halbwegs gelang. Aber es gibt kein Lied,
das Swarna wirklich als ihr eigenes bezeichnen kann. Sie
singt die Lieder, die sie von anderen gelernt hat: Alte
Lieder über die Mythen der Göttinnen und Götter,
über Moslemheilige, aber auch Lieder zu aktuellen
Themen. Sie singt alles aus dem Gedächtnis. Vor kurzem
hat sie ein weiteres Lied dazugelernt. Es ist ein Aufruf
an die Männer, die Finger von den Drogen zu lassen,
das Trinken sein zu lassen und auch das Rauchen. Rani
Chitrakar kennt dieses Lied ebenfalls und hat es mir schon
vor Jahren vorgesungen. |
| Musik: |
Rani Chitrakar, Lied: Aapnara Bhai, Nesha
Korbena |
| Erzählerin: |
Eigentlich dürfte Alkohol bei den
Potua gar kein Problem sein, schließlich sind sie
Muslime. Doch sie selbst bezeichnen eher die anderen Leute,
die sich zum Islam bekennen, aber keine Potua sind, als
Muslime. Von den Hindus sprechen sie als Bengalen, und
von sich selbst eben als Potua. Ganz offensichtlich unterscheidet
sich die Religion, die sie praktizieren, von jener der
Nicht-Potua. Keine der Frauen ist verschleiert oder trägt
die Burkha - eine Art Übermantel mit Gesichtsschutz,
wie man es manchmal in den indischen Städten sieht.
Die Potua-Frauen tragen oft einen Schmuckpunkt zwischen
den Brauen wie die Hindu-Frauen, teils als Standesbezeichnung,
teils als rituelle Zeichnung oder auch nur als Schmuck.
Und nicht alle Potua bekennen sich zum Islam. |
| O-Ton: |
Dukhushyam |
| Sprecher 1: |
Es gibt unter den Potua ebenso Muslime
wie Hindus. Ich bin Muslim. Mein Bruder ist Hindu. Er
lebt in Kalighat, einem Stadtteil von Kalkutta. Die Potua
sind Anhänger von Lalon Fakir, etwa so wie die mohammedanischen
Sufi. Weder Muslim noch Hindu. Ich meine, irgendeine muslimische
Zeremonie, die sie für gut befinden, der folgen sie.
Oder irgendein Hinduritual kann auch praktiziert werden.
Und die Potua gehen wie die Muslime in die Moschee. Aber
nicht die Hindus. Doch Potua genießen auch die Hindu-Feste,
während Muslime das nicht tun. Die Potua denken,
dass wir eben alle Menschen sind, dass wir alle gleich
sind. So wie "Jal³, die Bezeichnung der Bengalen und Hindus
für Wasser, das Gleiche ist wie "Pani³, die Bezeichnung
der Muslime für Wasser. Aber die Leute auf dem Dorf
verstehen das nicht. Bhagwan, Iswar, Allah, Marang Buru,
Gott - alle meinen dasselbe. Heutzutage ist das ein politisches
Thema. Ich habe auch darüber ein Lied gemacht. |
| Musik: |
Gurupada Chitrakar: Communal Harmony Song |
| Erzählerin: |
Lalon Fakir ist ein muslimischer Heiliger
des 18. Jahrhunderts, der in Bengalen unterwegs war und
dessen Lieder noch heute gesungen werden. Sie berichten
von einer Art Verschmelzung zwischen Hinduismus und Islam,
was aber von Familie zu Familie durchaus unterschiedlich
ausgelegt werden kann. |
| Atmo: |
Kalkutta, Straßengeräusche |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Ich mache mir keine Gedanken über
Religion. Was auch immer die Religion dazu sagen mag oder
die Nachbarn, die Leute im Dorf zu mir sagen, ich, die
gelernt hat, Bildrollen zu machen und diese Lieder zu
singen, ich fühle, dass ich noch mehr Bilder malen
werde, noch mehr Lieder singen werde. Ich werde nicht
einen Gedanken darauf verschwenden, was irgendjemand sagt.
Ich bin eine Künstlerin, ich wünsche mir vorwärtszukommen
als Künstlerin. Ich bin Künstlerin, und ich
möchte als Künstlerin bekannt werden. Das ist
mein Herzenswunsch. |
| Musik: |
Potua-Melodie, gesungen von Shyamshundar
Chitrakar |
| Erzählerin: |
Swarna erzählt mir das in einem Hotelzimmer
im Süden Kalkuttas, wo ich sie zum letzten Mal sah.
Mit ihrer Cousine Munimala hatte sie sich von Naya aus
allein auf den Weg gemacht, um mich in Kalkutta zu treffen.
Es war feucht und heiß, der Deckenventilator musste
für die Tonaufnahmen ausgeschaltet werden. Es wurde
noch heißer. Wegen des Straßenlärms hatte
ich die Fensterläden geschlossen. Seitdem sie gemeinsam
mit der Malerin Simone Letto gearbeitet hatte, waren beinahe
zwei Jahre vergangen. |
| Atmo: |
Kalkutta, Krähen und Straßenverkehr |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Als ich mit Simone malte... also, die Arbeiten,
die ich zusammen mit Simone machte, waren viel besser
als die davor. Aber jetzt finde ich, die Bilder, die ich
nun mache, sind noch viel besser als die von damals
ja, die Arbeiten sind besser. Damals habe ich nur an Bildern
mit sozialen und traditionellen Themen gearbeitet. Danach
hatte ich Ideen zu Filmen wie Tarzan, Titanic und Jurassic
Park und habe sie auch ausgeführt. |
| Atmo: |
Kinofilmsound |
| Erzählerin: |
Swarna ließ sich von Filmen inspirieren,
die sie selbst gar nicht gesehen hatte, von denen der
Bruder ihr erzählt hatte - und sie schuf ganz neue
Bildrollen. Sambhu, Swarnas Ehemann, war in Naya geblieben
und sorgte für die Kinder, wie immer, wenn sie nicht
zu Hause ist. Sie ist öfter weg, und sie ist es auch,
die das meiste zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt.
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| Atmo: |
Kalkutta |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Früher, wenn ich arbeitete, wurde
mein Mann, der dann den Haushalt machen musste, manchmal
wütend. Er wurde wütend, weil ich die ganze
Zeit arbeitete. Dann musste er kochen, auf die Kinder
aufpassen. Aber inzwischen hat er verstanden, dass ich
meine Arbeit tue, dass ich mit anderen Leuten zusammenarbeite,
dass ich Ausstellungen habe. Jetzt hat er verstanden,
wenn seine Frau nicht aus dem Haus gehen würde, wenn
sie nicht gemalt und gesungen hätte, dann wäre
die Familie untergegangen. Und ich habe ihm nach und nach
beigebracht, selber zu malen, im Pot-Stil zu malen, so
gut, dass er im letzten Jahr eine staatliche Anerkennung,
einen Preis, gewonnen hat. Wenn es uns manchmal schlecht
geht, wir nur unter Schwierigkeiten vorankommen, dann
muss er ein paar von den Bildrollen nehmen, in die Dörfer
gehen und sie dort vorführen. |
| Musik: |
Rani Chitrakar mit Chor |
| Erzählerin: |
Swarna trägt an diesem Tag einen Sari
in Ziegelrot mit einer gelbgemusterten Borte und Punkten
in gleicher Farbe. Munimala, die Cousine, ist in Blau
gekleidet. Swarna erzählt von ihren Lieblingsfarben.
Sie hat mehrere. Zum Beispiel ein bestimmtes Gelb, das
sie aus fein gemahlenem Gelbwurz herstellt. Aber es gibt
auch noch ein anderes Gelb, ein Gelb mit etwas Rot darin,
das sich gut als Hautton eignet, wenn sie Menschen malt.
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| Musik: |
Rani Chitrakar mit Chor |
| O-Ton: |
Swarna |
| Sprecherin 1: |
Ich arbeite am liebsten mit Erdfarben.
Und auch mit der Farbe aus Backsteinpulver. Auf jedem
Pot, den ich gemalt habe, kann man diese Backsteine und
den Schlamm, diese Farbe aus Schlamm sehen. |
| O-Ton: |
hochziehen (Swarna lacht!), Chor-Gesang
mit Kindern |
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