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Buchbesprechung
für Deutschlandfunk Köln: Büchermarkt,
gesendet Januar 2001:
DER GLASPALAST
von Amitav Ghosh
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Autorin: Wer Amitav Ghosh von seinem zuletzt, 1996, in deutsch erschienen
Roman kennt, wird von seinem neuen Werk überrascht sein. Während "Das
Calcutta-Chromosom" auf verspielte und witzige Weise eine Brücke schlug
zwischen Sciene-Fiction und Historienepos, hat sich der Autor mit seinem
neuen Werk "Der Glaspalast" ganz dem historischen Roman zugewandt. Auf 600
Seiten erzählt er auf sehr stringente Weise mehr als hundert Jahre
Geschichte.
Sie beginnen im Birma des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, kurz vor der
Invasion der Briten, und enden auch in Birma: in der Militärdiktatur, in
Rangun im Jahre 1996. Einer der Nachkommen der Hauptfigur führt hier ein
Fotoatelier mit dem Namen "Glaspalast". "Glaspalast" war das häufig
gebrauchte Wort seiner Mutter, die in ihrer Kindheit Zofe am birmanischen
Königshof war. Der Glaspalast war damals der Audienzsaal und über und über
mit Glas, Edelsteinen und Spiegeln verziert.
Die Hauptfigur heißt Rajkumar, stammt aus Indien, und arbeitet zu Beginn des
Romans als Küchenjunge in der Nähe des königlichen Palastes in Mandalay, dem
damaligen Regierungssitz Birmas. Er ist Waise und den Launen seiner Chefin,
einer durchaus gutmütigen Witwe ausgesetzt, die ihn unter ihre Fittiche
genommen hat. Sein weiteres Leben nimmt aufgrund der politischen Entwicklung
sehr erstaunliche Wendungen. Ghosh zeigt an dieser Figur, wie die Umbrüche
und Einbrüche einer Zeit, einer Region, Einzelnen zu Macht und Reichtum
verhelfen können. Vorrausgesetzt, sie sind clever und skrupellos genug. In
einem Statement der birmanischen Königin fasst der Autor knapp zusammen, was
auf vielen Seiten anklingt - die weitreichenden Auswirkungen der Annektion
Birmas durch die Briten:
Zitat: Ja, wir, die wir einst die Herrscher waren über das reichste
Gefilde Asiens, so tief sind wir gesunken. Das haben sie uns angetan, und das
werden sie ganz Birma antun. Sie haben uns unser Königreich genommen, haben
Straßen und Bahnhöfe und Häfen versprochen ... In wenigen Jahrzehnten schon
wird aller Wohlstand dahin sein - all die Edelsteine, das Holz und das Öl -
und dann werden auch sie wieder fortgehen. Alles, was bleiben wird in unserem
goldenen Birma, wo niemand je hungern musste und niemand zu arm war, um
schreiben und lesen zu lernen, wird Armut sein und Unwissen, Hunger und
Verzweiflung."
Autorin: Doch für Rajkumar wird das Leben nach der britischen Übernahme erst
richtig spannend. Er verliebt sich, selbst fast noch ein Kind, in die
hübscheste Zofe der birmanischen Königin. Die Schönheit und der Liebreiz
dieses etwa zehnjährigen Kindes und der späteren Frau zieht sich wie ein
silberner Faden beinahe durch den ganzen Roman. Aus der Verbindung zwischen
ihr und Rajkumar entstammen Nachkommen, die uns den Wandel der Geschichte in
Südostasien bis in die Neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erleben
lassen.
Rajkumar macht sein Geld im Teakholzgeschäft, sein Freund investiert in eine
Kautschukplantage. Wie in seinen früheren Romanen gibt Ghosh durch seine
Charaktere gerne detallierte Einblicke in Sachzusammenhänge. Dieses Mal sind
es die Techniken zur radikalen Nutzbarmachung der Naturresourcen. Er
schildert die Leistungen der Arbeiter bei der Teakabholzung und in den
Kautschukplantagen, die Künste der Mahuts im Umgang mit ihren Elefanten im
dichten Dschungel - und vermittelt gleichzeitig die Ausbeutung von Land und
Leuten. Einen seiner Protagonisten lässt Ghosh das Sklavendasein auf einer
Kautschukplantage beschreiben:
Zitat: Jeder Schritt war ständig kontrolliert, beobachtet, überwacht
worden; exakt soundso viel Gramm Dünger mussten auf exakt diese Weise in
Löcher gesteckt werden, die exakt soundso breit waren. Es war nicht so, dass
man zu einem Tier gemacht wurde, ..... - nein; denn selbst Tiere hatten ihren
Instinkt, nach dem sie sich richteten. Man wurde vielmehr zu einer Maschine
gemacht; das selbständige Denken wurde einem genommen und durch einen
Uhrwerk-Mechanismus ersetzt.
Autorin: In die Zeitspanne des Romans fallen zwei Weltkriege, die auch im
fernen Südostasien verheerende Auswirkungen hatten. Der Erste Weltkrieg
beschert Birma, unter britischer Herrschaft, eine Art Wirtschaftswunder. Die
Paradoxien des Zweiten Weltkrieges sind in diesem Teil der Erde auf die
Spitze getrieben: Die Britisch-Indische Armee kämpft in Malaysia und Laos,
später auch in Birma gegen die vordringenden Japaner. Ihre Strukturen hatten
sich in den Jahren davor etwas gewandelt, und es war nun auch Indern möglich
bis in die obersten Ränge der Armee aufzusteigen. Vonseiten der englischen
Offiziere gab es jedoch offenen Rassismus gegenüber ihren indischen Kollegen.
Die indischen Kompaniechefs sind daher hin- und hergerissen zwischen der an
Kraft gewinnenden indischen Unabhängigkeits- bewegung und der Loyalität zu
iher Armee, die sie das erst hatte werden lassen, was sie waren. Amitav Ghosh
beschreibt hier ein sehr kompliziertes und weithin unbekanntes Kapitel des
indischen Unabhängigkeitskampfes. Wie es ihm gelingt, auf subtile Art, bar
jeder Schwarz-Weiß-Malerei, verschlungene Zusammenhänge in spannenden
Romanstoff zu verwandeln, verdient unbedingt Bewunderung.
Die hundert Jahre Geschichte, die hier auf 600 Seiten verdichtet sind - der
Krieg und die Liebe: auch das ein Glaspalast. Der Autor ist bengalischer
Abstammung. In Hindi und Bengali ist "Glaspalast" ("Shishmahal") ein häufig
gebrauchtes Wort. Es bezeichnet majestetische Schönheit ohne Bestand, auch
Illusionen und unerfüllbare Wünsche. Träume also, die leicht zerbrechen.
Wenn man das Buch in der Hand hält, fühlt es sich natürlich sehr kompakt an,
ganz gegenteilig zur fragilen Wirklichkeit. Es liegt gut in der Hand und hat
außerdem einen sehr interessant gestalteten Einband. Fünf Jahre arbeitete
Ghosh an diesem Roman. Er recherchierte dafür in verschiedenen Teilen
Indiens, in Birma, Thailand und Malaysia. Amitav Ghosh lebt heute in New
York, ist jedoch in Kalkutta geboren; sein Vater hat die britisch-indische
Arme noch aus eigener Anschaung erlebt.
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