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Buchbesprechung
für Deutschlandfunk Köln: Büchermarkt,
gesendet Juni 2000:
DAS ENDE DER ILLUSION von Arundhati Roy
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Autorin: Auf die Frage, was sie als nächstes schreiben würde, antwortete
Arundhati Roy ausweichend, sie wisse nicht, ob sie nochmals einen
Roman schreibe, es könnne auch etwas ganz anderes
werden, kein Roman, ein Film vielleicht (sie schrieb
zuvor auch Drehbücher), wahrscheinlich etwas ganz anderes.
Womit sie sich danach zu Wort meldete, hätte für die, die sich gerne
in ihrem Ruhm gesuhlt hätten, wahrscheinlich kaum schlechter
ausfallen können: "Politische Einmischungen" lautet der
Untertitel. Das 150 Seiten starke Buch vereinigt zwei
Essays.
Einer davon macht den Buchtitel aus: "Das Ende der Illusion". Arundhati Roy
beschreibt ihren Schock, als sie 1998 nach einer
Lesereise im Westen nach Indien zurückkehrte, wo kurz zuvor in der
Wüste Thar unterirdische Atemtests durchgeführt worden waren. In
der Folge erklärte sich Indien zur Atommacht. In den
Zeitungen überwogen Schlagzeilen wie: "Wir sind wieder wer!" oder: "Ein
Augenblick des Stolzes". Oft ließ sich beim ersten Überfliegen der Artikel
nicht sagen, ob von der Bombe oder von Viagra (zeitgleich in
aller Medien Munde) die Rede war. Nachdem auch Pakistan, Indien
folgend, ebenfalls spektakuläre, nukleare Tests durchgeführt
hatte (und nun auch zum Club der Atommächte gehört),
kommentierte der indische Verteidigungsminister "wir
sind stärker und potenter" - Protzgebaren von Politkern, unterstützt durch
die Medien, und beide zusammen taten so, als ginge es um Jungenstreiche, wo
es in Wirklichkeit um das Weiterbestehen unseres Planeten in seiner
bisherigen Form geht. Dazu Arundhati Roy:
Zitat: "Wenn der Atomkrieg doch nur eine andere Art von Krieg wäre. . .
. Aber das ist er nicht. Wenn es einen Atomkrieg gibt, heißt unser Gegner
nicht China oder Amerika oder Pakistan. Unser Gegner ist dann der ganze
Planet. Die Elemente selbst - der Himmel, die Luft, die Erde, der Wind und
das Wasser - werden sich gegen uns wenden und ihr Zorn wird furchtbar sein".
Autorin: Indien machte bereits 1975 erste nukleare Gehversuche. Erst
1998, also mehr als 20 Jahre später, kam es zu den
beschriebenen Atombombentests. Arundhati Roy
zögert nicht, diese Entwicklung auch als Ausdruck
eines latenten Faschismus in der indschen Politik,
aber auch des Alltags zu beschreiben. Sie spart ebenfalls nicht mit Kritik an
der Arroganz westlicher Staaten. In deren Presseberichten überstieg die
Aufmerksamkeit für das Novuum einer dunkelhäutigen Atommacht und den damit
verbundenen rassistischen Vorbehalten oft die
generelle Besorgnis über das atomare Wettrüsten
zwischen Indien und Pakistan.
Der Essay bekommt gerade in diesen Tagen neue Brissanz, nachdem bekannt
wurde, dass Indien im Jahr 2000 seine Militärausgaben gegenüber dem Vorjahr
um 28,2% erhöhte - die größte Erhöhung der
Geschichte.
Die Rüstungsausgaben betragen in Indien für dieses Jahr 26,6 Milliarden Mark.
Auch in ihrem anderen Essay geht es um große
Dimensionen, große Zahlen, große Staudämme - und es geht ums
Geschäft. Arundhati Roy hat sich in den Kampf um das Narmada-
Staudamm-Projekt gestürzt. Ein Kampf, der seit Jahrzehnten
geführt wird:
Die Narmada ist ein 1300 km langer Fluß mit 41 Nebenflüssen und fließt
überwiegend durch Laubwälder und den vielleicht
fruchtbarsten Ackerboden Indiens, bis er im Westen, im Bundesstaat
Gujarat, das Meer erreicht. Geplant sind 3200 Staudämme, darunter
zwei Megastaudämme. Durch auch nur einen der beiden,
im letzten Jahr ging es um den Sardar Sarowar Staudamm in Gujarat, werden
nach Fertigstellung 4.000 Quadratkilometer Land unter Wasser gesetzt. 200.000
bis 400.000 Menschen werden dann ihr angestammtes Land verlieren, alles was
ihre Existenz ausmacht.
Arundhati Roy schätzt die Zahl derer, die seit Bestehen der indischen
Republik wegen Staudammprojekten umgesiedelt wurden auf
50 Millionen Menschen. 50 Millionen !! Was sich
Zwangsumsiedlung nennt, ist in Wirklichkeit meistens schlicht
Vertreibung. Betroffen ist überwiegend die indigene Bevölkerung, die nach
offizieller Gesetzgebung sogar geschützt wird; de facto ist
sie es aber gerade nicht. "Indiens Ärmste subventionieren
den Lebensstil der Reichen", so formuliert es Arundhati Roy.
Aber auch andere Interessenten sieht sie am Werk:
Zitat: "Die Weltbank zückte das Scheckbuch, noch bevor die Kosten
kalkuliert und genauere Untersuchungen angestellt worden waren und bevor
irgend jemand eine noch so vage Vorstellung davon hatte, welche ökologischen
Auswirkungen der Bau des Staudamms haben würde und welchen Preis die Menschen
zahlen müßten .... Indien befindet sich heute in einer Situtation, in der
es der Weltbank mehr Geld für Zinsen und Tilgungsraten zahlt, als es von ihr
bekommt."
Autorin: Deutsche Konzerne waren übrigens auch an der Finanzierung
beteiligt.
Doch das Ausmaß des Widerstandes gegen ein Megastaudamm- projekt hat es
bisher weltweit nie gegeben. Seit 20 Jahren leben die
Menschen im Umland der Narmada in Angst, dass ihr Land
überflutet und sie selbst vertrieben werden. Und viele von ihnen
mußten es bereits erleben. 1995 erwirkte die
Widerstands- bewegung einen Baustopp für einen
der beiden Megastaudämme. Trotzdem wird weitergbaut.
Arundhati Roy hat das Preisgeld ihres Booker Prizes sowie Tantieme an einigen
Übersetzungen ihres Romans in verschiedene indische
Sprachen - und nicht zuletzt ihren körperlichen Einsatz,
sowie ihren Ruhm - der Bewegung zur Verfügung gestellt. Ihren
Essay, der im letzten Jahr zeitgleich in zwei indischen
Zeitschriften und später als Buch erschien, nannte sie, in Anlehnung an ihren
Roman “The God of Small Things", "The Greater Common Good". Wer auf einen
weiteren Roman von Arundhati Roy hoffte, wird
erstmal enttäuscht, wer einen Thriller möchte: ihr Essay über das
Narmada-Staudammprojekt ist einer: sorgfältig recherchiert, aber mit offenem
Ausgang: das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht abzusehen. Noch kann es
begrenzt werden.
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