|
|
 |
|
Buchbesprechung
für Deutschlandfunk Köln: Büchermarkt,
gesendet Juni 2002:
BOMBAYQUARTETT von Dilip Chitre
|
|
| |
Dilip Chitre ist 1938 in Baroda geboren, lebt heute in Poona, die meiste Zeit
seines Lebens verbrachte er jedoch in Bombay. In Indien wurde er mit vielen
Preisen für sein literarisches Werk ausgezeichnet, für seine Prosa genauso wie
für seine Lyrik. Neben seiner literarischen Arbeit gilt seine Liebe noch diversen
anderen Künsten.
In den neunziger Jahren drehte Dilip Chitre mit dem Münchner Filmemacher Henning
Stegmüller einen Film über Bombay mit dem Titel ŃGeliebter Molochì. Sein jetzt im
A1 Verlag erschienenes Buch hat dasselbe Sujet. Es vereinigt vier Erzhlungen
unter dem Titel "BombayQuartett". Zusammen geben sie einen kaleidoskopischen
Blick auf diese Millionenstadt. Die ersten beiden Geschichten schrieb Chitre
bereits 1967 und 1968, die folgenden beiden zwanzig Jahre spter. Erstaunlich
ist, dass sie sich lesen, als wren sie gerade erst zur Jahrtausendwende
entstanden. Die zweite Erzhlung dieses Bandes sticht besonders hervor:
Dilip Chitre: "Rudhiraksha" ist das zentrale Stück, es ist das strkste und es
kommt der Art am nchsten, meine Weltsicht in einer nicht-narrativen Form
auszudrücken. Es gibt kurze narrative Passagen, aber es ist kein erzhlender
Text. ... Und die ganze Sache, das Projekt "Rudhiraskha", kreist darum, die
Erinnerung des Planeten wiederherzustellen.
Diese Erinnerung sucht der Protagonist im Abfall der Stadt. Indem er den Gerüchen
des Abwassers nachgeht, spürt er die Geschichten der unterschiedlichen
Ethnien auf, den Parsen, Hindus, Muslime, Juden, der Angloindern, Afghanen,
Nepalis. Bombay ist das Tor Indiens nach Westen und wie N.Y.C. auf einer Insel
erbaut, die bis heute 15 Mio. Bewohner angezogen hat:
Dilip Chitre: Ich liebe Bombay und ich hasse Bombay. hnlich wie ich auch N.Y.C.
lieben oder hassen würde. Dasselbe trifft nicht auf Berlin oder Paris zu, sie
sind in gewisser Weise offener. London ist auch keine Bedrohung. Aber Stdte wie
N.Y.C. oder Bombay sind reale Bedrohungen ...
Die erste seiner Geschichten aus "BombayQuartett" ist am ehesten in einem
herkömmlichen Erzählstyl geschrieben, eine moderne Fabel. Die Hauptfigur, ein
junger Mann, gerät in den Bann eines Edelsteins, eines Saphirs. Die letzten
beiden Geschichten werden jeweils von mehreren Charakteren bevölkert, die die
längste Zeit ihres Lebens bereits hinter sich haben.
Dilip Chitre: "Vollmond im Winter" geht um nach-klimakterische Männer und Frauen,
Leute die die Fünfzig überschritten haben und noch verzweifelt an ihren Fantasien
über sexuelle Potenz hängen, es geht um Geschlechterpolitik und all das. Und es
endet in einem bizarren Selbstmord der Frau, die jene Art von mysteriösem
Hauptcharakter abgibt, der die Männer in Beschlag nimmt.
In der letzten und kürzesten Geschichte des Bandes stehen sich zwei Juden als
Protagonisten gegenüber. Der Ich-Erzähler wird in einem unfreiwilligen Rausch,
ausgelöst durch eine hochpotente Droge nach muslimischem Rezept, fast zwischen
den Fronten der beiden zerrieben. Wie in allen Texten ist auch in diesem seine
Erzählweise keine lineare, sondern ein Zusammenschnitt vieler Facetten, die es
dem Autor erlauben Quantenphysik und Traumwelten, Geschäft und Romantik, Abfall
und Anmut nebeneinander zu stellen. Und wie der sprichwörtliche rote Faden, so
zieht sich die treibende Kraft des Sexus durch diese Geschichten, ein
unablässiges Aufbrechen, sich Verwandeln:
Dilip Chitre: Es hat etwas von einem Labyrinth, aber es hält den Leser auch wach!
... es ist als würde man Kurven fahren und nicht wissen, wie die Strațe
weiterführt. Und so weiț man nicht, ob es abwärts geht oder weiter bergauf, es
ist eine sich ständig windende Art. Ich erwarte vom Leser eher, dass er an meinem
Prozess teilnimmt, als dass ich ihm - oder ihr - etwas gebe, das er passiv
aufnimmt. Ich bin keine Mattscheibe, ich bin ein Autor, und ein Autor muss
mit seinem Leser arbeiten - die ganze Zeit.
Seinen Schreibstil führt Dilip Chitre letztlich auf sein Leben zurück. Darauf,
dass er bereits als Kleinkind zwischen Büchern aufwuchs und darauf, dass er als
Achtjähriger von seinem Vater eine Super8- Kamera geschenkt bekam. Der Kern
seiner Dichtung ist die ausgeprägte Bildhaftigkeit, kombiniert mit
Perspektivenwechseln und vielen Mitteln, die uns aus der Filmkunst bekannt sind:
Dilip Chitre: Es gibt eine Nahaufnahme, dann eine lange Fahrt, du spielst mit der
Distanz, mit der Perspektive, sie kehrt sich um, der Blickwinkel ändert sich. Und
ich mache das Satz für Satz. Ich fing an, ernsthaft zu schreiben, als ich 16 war.
Aber davor war das Visuelle. Und die Musik kam sogar noch davor. Seit ich drei
Jahre alt war, interessierte ich mich sehr für Musik. Und alle diese Dinge,
fliețen in gewisser Weise in meine Arbeit ein, in mein Prosa-Werk.
Chitre hat für Indien den Ton gefunden, der dem Land seine Rätselhaftigkeit
lässt, der die Widerspüche des Alltags, das breite Spektrum seiner Philosophien
und Religionen nicht nivelliert. Alles hat Platz. Vieles ist gefährdet:
Dilip Chitre: Wir haben in Indien eine Zivilisation, die sich seit fünftausend
Jahren fortsetzt. Und wir sind eine reichere, eine komplexere Zivilisation als
die chinesische. Oder irgendwo sonst auf der Welt. Das ist es, wieso ich gestern
... sagte: die andere Erste Welt, hier ist die Zweite Welt und Amerika ist die
Dritte Welt. Wirklich! Was Kultur, Zivilisation und die Fähigkeit angeht zu
überleben. Đber Dinge hinwegzukommen. Wir sind über Katastrophen hinweggekommen
durch die gemeinschaftliche Intelligenz so vieler Kulturen, die hier aufeinander
stoțen, aber auch als eine Einheit zusammenhalten. Aber wenn das verschwindet,
gibt es keine Hoffnung mehr für die Erde. Und das ist auch das untergründige
Thema von "Rudhirakhsa", dem Kernstück.
Dilip Chitre ist wieder bei seiner Lieblingsgeschichte angelangt, die für den
geneigten Leser vermutlich die schwierigste sein wird. Aber auch die reichste.
Und die übelstriechende. Für Menschen, die einen Blick für Feinheiten haben, für
die Fragen und wie sie gestellt werden oft interessanter sind als die Antworten
und die neugierig sind auf alles zwischen Kosmos, Welt und Abfall, denen sei
dieses Buch sehr empfohlen.
|
|
|