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Buchbesprechung
für Deutschlandfunk Köln: Büchermarkt,
gesendet Juli 2002:
DER WIDERLÄUFER von Sunil Gangopadhyay
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Sunil Gangopadhyay wurde 1934 in einem kleinen Dorf im heutigen Bangladesh
geboren. Nach der Teilung British Indiens, 1947, floh er wie viele seiner
Hindu-Landsleute in den indischen Teil Bengalens. In Bengali, seiner
Muttersprache, ist er der meistgelesene, zeitgenössische Autor. Den jetzt im
Lotos Verlag erschienenen Roman "Der Widerläufer" hat er bereits vor mehr als 30
Jahren geschrieben:
Sunil Gangopadhyay: Ich glaube, er wurde 1970 veröffentlicht. Damals begann ich
damit, Romane zu schreiben. Davor schrieb ich Lyrik und hatte nicht die geringste
Ahnung, wie ich einen Plot für einen Roman bekommen sollte. Es war in den
Sechzigern, in Indien herrschte tiefe Rezession und tausende, ja Millionen junger
Männer waren arbeitslos. Ich war einer von ihnen.
Siddharta, der Held der Geschichte, ist ebenfalls einer von ihnen. Nur wenig
älter als zwanzig Jahre, fühlt er sich der Verantwortung, die auf ihm lastet,
nicht gewachsen. Er ist der älteste Sohn, sein Vater ist kürzlich verstorben.
Seine etwas jüngere Schwester und er mussten ihr Studium wegen Geldmangels
abbrechen. Aber Siddharta findet keinen Job. Die gesamte Familie ist daher fast
ausschlieşlich vom Verdienst der Schwester abhängig: die Mutter, die beiden
Brüder, ein Onkel und die Schwester selbst. Jeder weiş, dass ihr Chef nicht nur
an ihrer Arbeitskraft interessiert ist. Aber niemand will es wirklich wissen. Die
Familie ist auf das Geld angewiesen. Siddharta schwankt zwischen Schuldgefühlen
und Wut. Eine Lage, in der auch Sunil Gangopadhyay war, auch sein Vater starb
früh, auch er musste die Familie untersützen, in gröşter Hitze mit manchmal 300
Mitbewerbern nach einem Job anstehen.
Sunil Gangopadhyay: Das schildert überwiegend meine Erfahrungen bei
Vorstellungsgesprächen und wie lustig sich die Kommissionen benahmen (lacht
ironisch). Denn noch bevor sie uns einluden, hatten sie bereits eine oder zwei
Personen ausgewählt. Deshalb war das alles eine Farce. Sie erlaubten sich
wirklich nur einen Scherz mit uns. Eine beginnende erste Liebe mildert die
hoffnungslose Lage des Protagonisten und gibt dem Leser Einblick in
das durchaus selbstbewusste Rollenverständnis junger Frauen der
damaligen Zeit. Auch dieser Situation fühlt sich Siddharta letztlich
nicht gewachsen. Er schwankt zwischen einem lähmenden
Unzulänglichkeitskomplex und einer sich steigernden Wut gegen
alles und jeden. Gegen Ende des Romans fügt er sich in eiserne
Disziplin, nimmt den schlecht bezahlten Job eines Vertreters
für pharmazeutische Produkte an, und kann dadurch Kalkutta
verlassen. Bevor er geht, schwört er Rache.
Sunil Gangopadhyay: Er dachte sich, eines Tages wird er jeden bestrafen wird. Er
wird den Boss seiner Schwester bestrafen, die Leute, die fiktive
Vorstellungsgespräche abhalten, er wird die Polizisten bestrafen, die Regierung,
alle! Aber unglücklicherweise war er allein.
Der eher einfach strukturierte Roman ist vor allem ein Zeitdokument. Kurz nachdem
er erschienen war, schlug in Westbengalen eine radikale, maoistisch-orientierte
Bewegung los. In Naxalbari, einem kleinen Dorf in Nordbengalen, fanden die ersten
Hinrichtungen statt von ausbeuterischen Managern und Teeplantagenbesitzern.
Getrieben von jener grenzenlosen Wut und Hoffnungslosigkeit wie sie auch die
Figur Siddharta empfand, organisierten sich Anfang der 70er Jahre tausende von
jungen Männern. In Kalkutta versammelten sich die Literaten jener Tage unter dem
Begriff "hungry generation". Sunil Gangopadhyay zählt sich selbst jedoch
nicht dazu.
Sunil Gangopadhyay: Ich gehörte nicht dazu, aber einige meiner Freunde bildeten
diese Gruppe, die sich "hungry generation" nannte. Es ist eine Mischung aus
"angry generation" wie es sie in England gab und der "beat generation" Amerikas.
Ich war zu stolz, dem westlichen Muster zu folgen, deshalb blieb ich allein.
Aber er hatte enge Verbindungen mit den berühmten Vertretern der amerikanischen
Beat-Generation. Er war es, der damals Alan Ginsberg und Peter Orlovsky in
die sehr lebendige literarische Szene Kalkuttas einführte. Im Gegenzug lernte
er 1963 das wilde Leben der Beatnicks in N.Y. kennen.
Sunil Gangopadhyay: Mit Alan Ginsberg und Gregory Corso, und auch mit Jack
Kerouac war ich befreundet. Damals wurde Jack Kerouac gerade als
Romanschriftsteller berühmt, und er gab mir Ratschläge. Ich traf ihn in New York,
in Greenwhich Village, wo sie alle zusammenkamen, Gedichte vorlasen und die
Nächte hindurch redeten und sangen; es war eine groşartige Zeit, die ich damals
erlebte.
Diese Ereignisse liegen noch etwas länger zurück als der vorliegende Roman. Offen
bleibt, wieso der Verleger gerade ihn zur Ğbersetzung auswählte. Es gibt
ausgereiftere Werke von Sunil Gangopadhyay. Vielleicht liegt ein Grund darin,
dass Satyajit Ray, der groşe Mann des indischen Films, das Buch verfilmt hat.
Dennoch: die Leistungen von Verleger und Ğbersetzer sollten Anerkennung finden,
denn kaum ein Verlag macht sich heute die Mühe, einen Autor aus seiner indischen
Originalsprache übersetzen zu lassen. Sunil Gangopadhyay erzählt, wie lange das
Ganze gedauert hat:
Sunil Gangopadhyay: Es ist mein erstes Buch auf deutsch. Ğber viele Jahre wurde
es aufgeschoben. Alokeranjan Dasgupta, der Dichter, der hier in Deutschland lebt,
er wollte es ins Deutsche übersetzen. Das war vor zehn oder zwölf Jahren. Und
auch den Verleger, Roland Beer, traf ich, er kam mehrere Male nach Kalkutta. Aber
irgendwie kam es nicht zustande. Erst kürzlich, erst jetzt sehe ich, dass dieses
Buch das Tageslicht erblickt hat.
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