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Gespräch mit Taslima Nasrin über ihr neues Buch
DAS MÄDCHEN, DAS ICH WAR
für DeutschlandRadio Berlin : Galerie;
gesendet im Oktober 2000
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Regina Ray:Taslima Nasrin lebt seit ca. einem Jahr in Paris. Dass sie Schweden
verlassen hat, hing hauptsächlich mit dem Klima zusammen:
es war vor allem viel zu lange dunkel, wie sie sagt. In Paris
steht ihr "Edition Stock" zur Seite, ein Verlagshaus
mit langer Tradition, das überwiegend namhafte, ausländische
Autoren in französischer Sprache verlegt. Mittlerweile
wurden dort bereits sechs Bücher von ihr publiziert. Das
jetzt im Rowohlt Taschenbuch-verlag erschienene Buch "Das
Mädchen, das ich war", erschien vor zwei Jahren zuerst
in französicher Sprache, ein Jahr später schließlich
auch in der Originalsprache Bengali in Kalkutta. Ich fragte
Frau Nasrin, was sie dazu bewegte, die Biographie ihrer Kindheit
zu schreiben, ob es einen Auslöser gab.
Taslima Nasrin: Ich lebe jetzt seit sechs Jahren im Exil....
Ich wollte zurückschauen, ich wollte sehen, wie ich geboren
und aufgezogen wurde, in welcher Gesellschaft; und es war wichtig,
denn es geht nicht nur um mein eigenes Leben: die gleiche Art
Leben haben auch alle anderen Mädchen in meinem Land, in
einer moslemischen Gesellschaft. Ich mußte einfach zurückschauen.
Es war mir ein Bedürfnis, meine Geschichte zu erzählen,
und es war mir ein Bedürfnis die Geschichte anderer Mädchen
zu erzählen......(Und) ich denke nicht, dass ich dieses
Buch geschrieben hätte, wenn ich in Bangladesh leben könnte
- das Exil hat mich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben.
Regina Ray: Taslima Nasrins Portrait ihrer eigenen Kindheit
ist jedoch keineswegs die Kindheit eines jeden bengalischen
Mädchens. Ihre Familie gehört zu den sogenannten "besseren
Leuten". Doch immer wieder kommen auch die Gefühle
und Lebensbedingungen der "einfachen Leute" zur Sprache,
sind eng mit dem eigenen Befinden verwoben: Zum Beispiel die
Schicksale der verschiedenen Hausmädchen, die die Familie
über die Jahre beschäftigte. Sehr eigen der Ton, wie
sich die Schicksale berühren, vermischen - wodurch, u.a.
auch jenes Land, Bangladesh - überwiegend während
der sechziger und siebziger Jahre - beschrieben wird: Stimmungsbilder
einer Gesellschaft bildungshungriger und dabei auch bigotter
Bengalen und solchen, schlicht am Rande des Lebensmöglichen.
Wie auch ihre anderen Bücher ist "Das Mädchen,
das ich war" in Bangladesh nicht erhältlich.
Taslima Nasrin: Es wurde verboten, gleich am nächsten
Tag, nachdem es in Kalkutta erschienen war. .......Die Premierministerin,
Sheik Hasina, kam nach Paris und die Journalisten fragten die
Premierministerin von Bangladesh: warum haben sie Taslimas Buch
verboten? - das brachte "Le Monde" auf der Titelseite
- und sie sagte sehr stolz: weil Taslima Pornographie geschrieben
hat, deshalb habe ich das Buch verboten. Die Journalisten fragten
auch mich: Was denken Sie über ihren Kommentar und ich
sagte, dass ich über meine Kindheit schrieb. Wie könnte
das Pornographie sein?... "Lajja" (gesprochen: Lojja)
wurde verboten, weil die Regierung die Wahrheit nicht ertragen
konnte. Und das neue Buch wurde verboten, ja, eigentlich auch,
weil sie die Wahrheit nicht ertragen konnten. Aber sie bezichtigten
mich der Pornographie!
Regina Ray: Insbesondere bei der Beschreibung ihres größten
Traumas, der versuchten Vergewaltigung durch einen Onkel, scheut
sich Taslima Nasrin nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Und
auch die moralische Doppelbödigkeit im Hause eines moslemischen
Heiligen entlarvt sie mehrfach. Eine der Schussfolgerungen daraus
hieß für sie, sich schon vor Jahren vom Islam, genaugenommen
von der Religion im Allgemeinen zu verabschieden - ein Thema,
das breiten Raum in ihrem neuen Buch einnimmt.
Taslima Nasrin: Ich wurde vor langer Zeit Atheistin. Ich
beschrieb in meinem Buch, wie ich Atheistin wurde. ... Ich war
sehr neugierig herauszufinden, was im Koran geschrieben steht.
Denn ich wurde gezwungen, den Koran zu lesen ohne die Bedeutung
zu verstehen. Ich kannte nicht die Bedeutung eines einzigen
Wortes. Aber es wird gesagt, man braucht nichts von der Bedeutung
zu verstehen, man soll es (nur) lesen... Man muss den Koran
in Arabisch lesen, das war die Regel. Und ich war neugierig,
zu erfahren, um was es geht - ich las die bengalische Übersetzung,
und ich war, ich war so schockiert: wie konnte es sein, dass
so schlechte Dinge in einem heiligen Buch stehen? ...Da hörte
ich auf zu glauben, den Koran zu lesen, zu Gott zu beten oder
irgendetwas dieser Art, weil ich fand, das ist Scheiße.
Religion ist Scheiße!
Regina Ray: Nur wenn sie über die Literatur und die
Lieder ihres Landes zu sprechen beginnt, kommt sie ins Schwärmen:
Taslima Nasrin: Rabindranath ist der größte. Wie
wurden damit erzogen, Rabindranath Tagore zu lesen. Er ist wie
die Luft zum Atmen. So ist es. Immer noch ist es so für
die meisten Leute in Bengalen. Rabindranath ist nicht wegzudenken,
man kann nichts lesen, bevor man nicht zuerst ihn gelesen hat.
Es ist wie ein heiliges Buch. Rabindranaths gesammelte Werke,
das ist ein heiliges Buch. Für mich war Rabindranaths Buch
viel heiliger als der Koran. Ganz gewiss. Koran - das ist Pornographie.
Wirklich Pornographie..... Tagores Schriften sind heiliger als
der Koran oder die Bhagavatgita oder die Bibel.....
Regina Ray: Da ist es verständlich, dass beispielsweise
die Lese- und Musikabende mit den Geschwistern Höhepunkte
dieser Kindheit waren; ein heimliches Feuerwerk der Gefühle
krönt und beendet sie: das erste Verliebtsein - in ein
wunderschönes Mädchen, älter als sie selbst.
Diese leuchtenden Szenen, ebenso wie jene am anderen Ende der
Skale, jene der familiären Gewalt, könnten auch Teil
eines Drehbuchs sein. In jüngster Zeit ist eine Verfilmung
des Buches im Gespräch.
Taslima Nasrin: Ja, in Indien wollte ein bekannter Filmemacher
einen Film darüber drehen, eigentlich über mein Leben.
Ich schreibe weiter über mein Leben, ohne das geringste
Zögern, ich sage die Wahrheit. Ich schreibe in meinem Buch
über die Verhältnisse, die mein Vater mit anderen
Frauen hatte, wie ich von meinem Onkel vergewaltigt wurde, wie
er versuchte mich zu vergewaltigen, als ich klein war. Meine
ganze Familie wurde nun wütend auf mich. Aber das kümmert
mich nicht, ich sage die Wahrheit. Es geht nicht um das Leben
eines einzigen Mädchens, es ist kein einmaliges Leben,
viele, viele Mädchen werden in unserer Gesellschaft von
Verwandten vergewaltigt. Und das ist ein furchtbares Leben.
Es ist die Geschichte von Millionen von Mädchen, darüber
schreibe ich...Nicht nur in Bangladesh.
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